Interview mit Peter Zorn, Leiter der 4. Biennale Werkleitz, realwork

fusion: Wie ist diese Biennale zustande gekommen?

Peter Zorn: 1993 haben wir hier in Werkleitz mit Leuten aus den alten und neuen Bundesl˘ndern einen Verein gegr╣ndet. Das war eine bunte Mischung aus bildenden K╣nstlern, Filmemachern und Kulturschaffenden. Unser gemeinsamer Background ist der Experimentalfilm. Drei von uns haben zusammen in der Kunsthochschule Braunschweig studiert. Bei der Vereinsgr╣ndung wurde beschlossen, dass wir eine Veranstaltung machen wollen, um in die Oeffentlichkeit zu kommen. So kam es zur ersten Biennale der Werkleitzgesellschaft, die damals Jahrespraesentation hiess und mit 40 deutschen Kuenstlern noch in einem kleinen Rahmen stattfand. Die Struktur war damals aehnlich wie heute, wir hatten Filmemacher, und Performer eingeladen und eine kleine Ausstellung organisiert. Wir hatten kaum Geld und die Veranstaltung war sehr alternativ. Es fand quasi auf privaten Gel˘nde statt, in der Scheune waren die Screemings und in den anderen Scheunen waren Installationen aufgebaut. Aber dennoch hatte es nicht die Dimensionen von heute. Es war viel famili˘rer und intimer. Gleichzeitig entstand dann "Ostranenie" (http://www.ostranenie.org) am Bauhaus, ein - Forum f╣r osteurop˘ische und mitteleurop˘ische elektronische Medienkunst. Wir waren in den Prozess involviert und haben das Forum 1995 mitorganisiert. Daraufhin wurde klar, dass es keinen Sinn macht, parallel 2 Festivals stattfinden zulassen und wir setzten ein Jahr aus. 1996 haben wir dann die zweite Biennale organisiert: "cluster images" (http://www.werkleitz.de/cluster-images). Damals wurden bereits 70 K╣nstler aus 12 L˘ndern eingeladen. Im Prinzip haben wir die gleichen Sparten beibehalten - Performance, Bildende Kunst, Video und Internet. Die Sektion Internet war damals noch schwach vertreten. Von "cluster images" sind wir 1998 zum n˘chsten Festival "subfiction" (http://www.werkleitz.de/subfiction) gekommen. "subfiction" lag die Idee zugrunde, mit einem Kuratorenmodell zu arbeiten. Wir haben externe Kuratoren eingeladen, um andere Perspektiven zu sehen, also nicht nur die Position, die wir vertreten, sondern eine breite Mischung. Dabei ging es uns auch darum, dass es eine starke Vielfalt gibt. Wir haben f╣r jeden Sektor Kuratoren eingeladen, urspr╣nglich wollten wir f╣r jeden Sektor mehrere haben, um unterschiedliche Positionen zu zeigen. Von 1996 bis 1998 hat sich dann, im Prinzip immer alles verdoppelt. Zuschauerzahlen, Presse, usw. 1998 war ein richtiger Quantensprung - es waren vier Fernsehstationen da. Wir hatten sehr viel Oeffentlichkeit. 1998 waren wir mit den Kuratoren sehr zufrieden und fanden ihre Arbeiten spannend, weshalb wir dieses Modell beibehalten haben. F╣r das Jahr 2000 - bei "realwork" sind wiederum sechs Kuratoren aus verschiedenen Bereichen eingeladen worden. Die Trennung der einzelnen Sektionen, das míchte ich hervorheben, bedeutet nicht etwa eine Abschottung der einzelnen Kunstgattungen . Das hatte prim˘r organisatorische Gr╣nde. Wenn wir sagen w╣rden, wir laden Kuratoren ein, die querbeet einfach alles machen kínnen, dann ist nsehr schwer zu realisieren, z. B. wer wo ausstellt. Wir begruessen es, dass es zu Ueberlappungen kommt, dass z. B. zu einem Vortrag im Bereich Bildende Kunst auch ein Filmemacher diskutiert und so wieder etwas anderes passiert. Das finde ich sehr befruchtend und spannend.

Kannst Du ein paar Worte zum diesjaehrigen Thema - realwork - sagen? Wie seid Ihr dazu gekommen und welche Konzeption liegt dem zugrunde?

Es gab eine Entwicklung seit "cluster images". Das war eine Thematik, die sehr stark eben auf einen kunstimmanenten Diskurs bezogen war. Bei "sub fiktion " war es eher eine Mischung, da ging es schon sehr viel st˘rker um gesellschafliche Prozesse. Es ging darum, dass es keine kollektiven Fiktionen,Vorstellungen mehr gibt, um die gesellschaftliche Zersplitterung in kleine Subgruppierungen aufzuhalten.Das kann man auch gesellschaftlich beobachten, so dass man nicht mehr von einer Gesellschaft reden kann, sondern von vielen kleinen,die ineinander greifen. Da wurde der Prozess schon zwischen einem gesellschaftlichen, politischen Thema und einem kunstimmanenten gemischt. Zudem haben wir hier in der Region festgestellt, dass selbst der Kunstbereich mit der Thematik Arbeit und Arbeitslosigkeit zu k˘mpfen hat. Die Politik geht dahin, Arbeitslosigkeit zu bek˘mpfen und unter diesem Aspekt wird der Kultursektor zur╣ckgeschraubt. Es ist also ihrere Meinung nach mehr ein Luxus, den man sich mit Kultur leistet. Dem wollten wir einerseits widersprechen und andererseits auch zeigen, dass man ╣ber den Kultursektor sehr viel Interessantes und Relevantes zu diesem Thema beitragen kann, Modelle entwickeln kann, die f╣r die Zukunft spannend sein kínnen. Wir stehen hier vor Ort ganz klar vor dem regionalen Bezug, dass das Dorf hier zu 20% arbeitslos ist. Schoenebeck steht an der Spitze in Deutschland, was sehr praegend ist fuer die Region. Durch diesen regionalen und politischen Aspekt wird das zu einer Art Evergreen, einem Thema das einen staendig beschaeftigt. Zudem sind wir durch unsere Arbeit sozusagen Dienstleister, also wir machen ja nicht nur die Werkleitz Biennale, sondern auch Workshops f╣r Filmemacher, Medienkuenstler und Weiterbildungen. Wir unterstuetzen Projekte und vergeben Stipendien. Durch unsere Arbeitsstruktur stellen wir das dar, was sich Wirtschaft und Politik w╣nschen - die Vorstellung des flexiblen, kreativen, eigenverantwortlichen Jungunternehmers, der bereit ist, mit vollem Engagement einzusteigen. Ob wir aber parallel dazu die Freiheit haben, einen Prozess zu zerstíren, der in Deutschland ╣ber Jahrzehnte durch Gewerkschaften aufgebaut worden ist, ist eine andere Frage. Die Kehrseite zu sehen, also weg von einem Angestelltenverh˘ltnis zur Selbst˘ndigkeit, bedeutet, auch die Problematik des Wegfallens sozialer Sicherheit zu erleben. Du arbeitest nicht mehr so dass Du Deine acht Stunden machst, nach Hause gehst und Feierabend hast. Du bist einfach st˘ndig in dem Prozess drin, das sp╣ren wir am eigenen Kírper. Das ist wieder etwas, was beijedem K╣nstler auch der Fall ist.

Was sind Deiner Meinung nach die interssantesten Projekte? Nicht im Sinne von die besten, sondern was am ehesten der Konzeption der Biennale entspricht.

F╣r mich schliessen das 95 % der Projekte ein. Bei einzelnen Arbeiten kann man sich dar╣ber streiten. Vielleicht ist es auch bei einigen der Performances nicht klar abzulesen. Ray Langenbach macht durch sein Statement im Katalog deutlich, dass, so wie er Performance sieht und wie er das zur Arbeit in Verbindung bringt, einige nicht so sehr zu diesem Thema Stellung nehmen. Das ist ja auch immer ein sehr spontaner Eindruck. Ich war heute z. B. sehr stark von Mike Hentz beeindruckt, von diesem Raum, den er aufgebaut hat, in dem er es schafft, in diesem Festival-Kontext, aber eigentlich im Dorf, eine Welt in der Welt zu kreieren. Als ich den Raum kam indem die Temperatur anders ist, die Musik anders ist, der Geruch anders ist und man das Gef╣hl bekommt, man sei wirklich in einer afrikanischen Ebenholzwerkstatt, das ist dann plítzlich eine ganz andere Atmosph˘re. Das hat mich sehr beeindruckt und motiviert, selbst diese Holzst╣cke herzustellen.

Kannst Du bitte noch einmal den Aspekt Lokal - Global benennen?

Das ist anderer wichtiger Aspekt. Ich finde es sehr spannend, dass viele aus der lokalen Bevílkerung erfahren, dass eine Problematik, mit der sie zu tun haben, in anderen Kulturen eine ganz wichtige Rolle spielen. So wird der Blick der Lokalit˘t in einen globalen Kontext gesetzt. Wenn man hier lebt, denke ich, sieht man nur immer die Wendezeit, den Wechsel vom Sozialismus zum Kapitalismus, was ja letzten Endes mitverursacht hat, dass die Leute arbeitslos wurden. F╣r einige stellt das wirklich eine Misere dar. Das Festival zeigt aber auch, dass es nicht nur an diesem Ph˘nomen festzumachen ist. Wir reden hier von einem allgemeinen Problem, dem der Technologisierung, also Rationalisierung von Arbeitspl˘tzen. Das ist ein Prozess, der nicht mehr aufzuhalten ist. Es ist interessant zu sehen, mwie andere L˘nder, andere Kulturen damit umgehen und Einfallsreichtumm dagegengesetzt wird.

Kann man vom sp╣rbaren Einfluss auf die lokale Kultur, auf die Kinder des Dorfes, die seit mehreren Jahren die Pr˘senz der internationalen Kunstszene erleben, reden?

Es ist ein langwieriger Prozess. Man darf keine Illusion haben, dass sich jetzt hier alles von heute auf morgen ver˘ndert und alle Leute plítzlich eine ganz andere Weltsicht bekommen. Einerseits, was von vornherein eine gute Basis war: es gibt hier eine hohe Toleranz gegen╣ber den anderen und dem, was in diesem Kunstkontext passiert. Dar╣ber waren wir selbst angenehm ╣berrascht. Es gibt eine speziell bei der Biennale eine Entwicklung dahin, dass immer mehr lokale Bevílkerung einbezogen wird. Man kann auch bei den J╣ngeren die Begeisterung zur Technologie beobachten, die war vorher einfach nicht da. Die Kids sind immer wieder ganz begeistert im Internetraum beim Surfen und auch zum Teil bei Veranstaltungen, die sie anschauen und es beginnt, dass wir erste Praktikanten aus dem Dorf haben, die mitarbeiten und einen Einblick in die Arbeit. Es sind immer ganz kleine Geschichten, an denen ich solche Entwicklungen ablesen kann. Und dass das grosse Disneyland hier irgendwann stehen wird oder alle Bewohner mit Internet arbeiten, das w˘re eine Illusion. Aber allein das fortzuf╣hren, dass es ist einfach míglich ist, dass verschiedene Kulturen nebeneinender existieren und partiziell ein Interesse aneinander haben, das finde ich schon eine enormen Erfolg, den wahrscheinlich viele f╣r unmoeglich halten. Dass solch ein Event an so einem Ort stattfindet und dass die lokale Bevoelkerung da durchaus offen ist und die Veranstaltungen besucht. Die Kinder kommen einmal pro Woche zu uns und haben den offenen Terminal, koennen frei chaten, mailen und surfen. Und wenn sie f╣r die Schule Recherchen machen sollen, dann kommen sie zu uns und suchen nach bestimmten Themen.

Gibt es n˘chstes Mal wieder eine Biennale?

Ich gehe schon davon aus, dass es wieder eine geben wird. Ich glaube nicht dass, man so einen Prozess aussetzen kann und ich denke nicht, dass es zu einem Kollaps kommen wird, weil es einmal zu voll oder zu eng ist. Es ist noch alles handelbar, wir kriegen die Leute unter und koennen sie auch noch verpflegen. Aber es h˘ngt nat╣rlich auch davon ab, dass wir die Finanzierung zusammenkriegen, damit es stattfinden wieder kann.