>Kulturelle Produzenten<

Vom 05. bis 09. Juli 2000 fand in den Gemeinden Tornitz und Werkleitz in Sachsen-Anhalt zum vierten Mal die >Werkleitz-Biennale< mit den Sektionen, Performance, Film, Internet und Bildende Kunst statt. Jelka Plate und Malte Willms wurden von den KuratorInnen Corinna Koch und Christiane Mennicke f¹r die Sektion Bildende Kunst eingeladen. Sie entwickelten f¹r die Biennale in Zusammenarbeit mit Einwohnern der Gemeinden das Projekt >Kulturelle Produzenten< im Gemeindesaal von Tornitz.

Fusion: Wie habt Ihr Eure Arbeit entwickelt?

Malte Willms: Meine Kollegin Jelka Plate und ich sind das erste Mal im November letzten Jahres in Werkleitz gewesen. Wir haben uns verschiedene Orte angesehen, auch den Gemeinde-Saal wo wir jetzt ausstellen. Nach diesem ersten zweitôgigen Aufenthalt haben wir lôngere Zeit ¹berlegt was wir hier auf dieser Biennale machen k¡nnten. Die wichtigste Frage war f¹r uns, was in diesem d¡rflichen Kontext interessieren kann. Das Thema der Biennale war real(work). Die Konzentration auf den Arbeitsbegriff erschien uns schon damals hochgradig problematisch, deswegen entschieden wir uns, uns nicht ausschliesslich auf diesen Begriff zu konzentrieren, sondern unsere Arbeit unabhôngig davon zu entwickeln.

Fusion: Was erscheint Dir problematisch daran?

Malte Willms: Ich denke, dass der Begriff >Arbeit< unmittelbar mit einer komplexen gesellschaftspolitischen Diskussion verkn¹pft ist, und ich halte es nicht f¹r m¡glich, diesen Begriff im Rahmen eines kurzfristigen Projektes zufriedenstellend zu bearbeiten. Die Biennale dauert 5 Tage und wir hatten eine Vorbereitungsphase von einem halben Jahr. In unserer k¹nstlerischen Praxis versuchen wir, andere miteinzubeziehen und Verbindungen zum jeweiligen Ort an dem wir arbeiten herzustellen. Uns schien damals der Begriff von Kultur, der mit Kunst und Kunstproduktion verbunden ist, ein guter Ankn¹pfungspunkt zu sein um hier etwas zu entwickeln. Was f¹r Kultur und kulturelle Formen gibt es eigentlich in diesen D¡rfern? Inwiefern besteht man darauf sie auch darzustellen, sie zu reprôsentieren? Was f¹r eine kulturelle Erinnerung gibt es hier, damit meine ich solche Institutionen wie einen Heimatverein oder eine eigene Geschichtsschreibung in Form einer Dorfchronik.

Jelka ist bei Recherchen auf den Defa-Film "Der nackte Mann auf dem Sportplatz" von Konrad Wolf, einem der bekanntesten Regisseure der DDR, gesto-en. Der Film handelt von dem Bildhauer Kemmel, der den Auftrag hat, ein Portrait eines Arbeiters in einem Betrieb anzufertigen,dieser zeigt aber nur sehr z¡gerlich Interesse. Den Film haben wir im Gemeinde-Saal, in dem wir jetzt ausstellen, gezeigt. Wir haben einen Rundbrief an alle Einwohner der Gemeinden Tornitz, Werkleitz und Grube-Alfred geschrieben, in dem wir zu dem Film einluden und unsere Projektidee kurz vorgestellt haben. Die Einladung,die wir zu der Biennale erhielten, haben wir also an alle Einwohner der Gemeinden mit dem provisorischen Titel "Eine Biennale der Werkleitzer und Tornitzer" weitergegeben.

Zu dem Filmabend sind dann ca. 15 Leute gekommen. Nach dem Film kam es zu einem lôngeren Gesprôch, in dem wir ¹ber ¹ber die Arbeitsrealitôten in der DDR gesprochen haben, ohne dass wir es wirklich beabsichtigt haben. Wir haben die Frage gestellt, was mit dem Titel der Biennale >real(work)< assoziiert wird. Da >Arbeit< einer der dominierenden Teile jeder Biographie ist, lie- sich dar¹ber einfacher sprechen, als ¹ber den eher diffusen Begriff Kultur. F¹r uns war es sehr wichtig zu erfahren wie es hier ist, wie die Vergangenheit hier war, und wie demgegen¹ber die Gegenwart wahrgenommen wird. In den folgenden Tagen haben wir einige der Einwohner, die den Film gesehen haben, zuhause besucht und lôngere Gesprôche gef¹hrt, ohne das Thema auf ein bestimmtes Ziel hin zu lenken.

Einige Mitglieder des Jugendclubs haben unsere Idee, den Gemeindesaal wôhrend der Biennale selbst zu nutzen, am direktesten aufgegriffen. Sie wollten die Arbeit des DJ+s und ihre eigene Partykultur vorstellen um im Dorf zu vermitteln, was diese Dinge f¹r sie bedeuten und so Verstôndnis und Akzeptanz daf¹r schaffen. Einige der Jugendlichen haben auf Parties Videos gedreht, die wir neu geschnitten haben. Das eine Video zeigt die Arbeit von DJ+s, das zweite Clubszenen. Zu diesen Videos konnte man sich ein Interview, das wir mit DJ Sven B. aus Werkleitz gef¹hrt haben, anh¡ren. Zusôtzlich hat Sven an einem Abend im Gemeindesaal sein DJ-Equipment aufgebaut und in einem Gesprôch Fragen zur Technik des DJ-ing und der Geschichte von Tekkno und House beantwortet. Parallel dazu hat er Platten aufgelegt.

Als zweiten Schwerpunkt haben wir die Verbindung von Arbeit, Kunst und Kultur in der DDR recherchiert. Dazu haben wir gezielt Gesprôche mit Ernst Finster und Otto Pl¡nnies gef¹hrt, die beide im Kulturhaus des Niederschachtofenwerks in Calbe in tôtig gewesen sind. Diese Interviews waren in Kombination mit Dias vom Werk fr¹her und heute und von den Aktivitôten, die im Kulturhaus stattgefunden haben, im Gemeindesaal zu h¡ren.

Zu beiden Schwerpunkten >DJ-Culture< und >Kultur im Betrieb< gab es kleine Archive mit weiterem Bild- und Textmaterial. Im Vorraum des Gemeindesaales haben wir ein Diagramm, das den Verlauf des Projektes selbst darstellt, angebracht und durch Photos, die uns bei der Arbeit vor Ort zeigen, ergônzt.

Fusion: Wir haben dar¹ber gesprochen, wie die Leute hier Eure Aktivitôten aufgefa-t haben. Wurde das als Kunst wahrgenommen? Du sagtest, das war ab einem bestimmten Moment nicht mehr wichtig. Was passiert dann mit Eurer k¹nstlerischen Identitôt? Was bedeutet f¹r Euch eigentlich K¹nstler-Sein heute?

Malte Willms: Das ist eine schwierige Frage. Je weiter man das klassische K¹nstlermodell, eine Arbeit alleine zu produzieren, um sie dann in einer Ausstellung zu prôsentieren, verlô-t, um so mehr l¡st sich auch die damit verbundene K¹nstleridentitôt auf. Ich arbeite seit drei Jahren konstant in Gruppenzusammenhôngen und mit meiner Kollegin zusammen, d.h. ich habe seit drei Jahren, keine eigene Arbeit mehr produziert. Wichtiger wird, was man erreichen will, woran man Interesse hat. Wenn man versucht, in Zusammenhôngen zu arbeiten und mit seiner Arbeit Prozesse ausl¡sen will, sollte man das Interesse an sich selbst zur¹ckstellen. Wir arbeiten aber auch mit dem Kapital der Kunstgeschichte. Kunst l¡st betimmte Assoziationen aus. Dem K¹nstler wird ein gewisser Freiraum in der Gesellschaft eingerôumt. Als K¹nstler kann man Dinge tun, die sonst in der Gesellschaft nicht akzeptiert werden.

Fusion:. Die Frage ist, welche Rolle Du hier heute in dem Kontext von Werkleitz mit dem diesjôhrigen Titel >real(work)< spielst.

Malte Willms: Was die k¹nstlerische Identitôt betrifft, so versucht man die Trennungslinien, die es bis vor kurzem noch gegeben hat, sukzessive aufzul¡sen. Kulturpôdagogik, partizipatorische Praxis, Kulturarbeit, Kunst des ãffentlichen, sind Schlagworte, die einerseits eine Erweiterung der k¹nstlerischen Arbeitsweise definieren, auf der anderen Seite jedoch auch eine gesellschaftliche Verantwortung des K¹nstlers einfordern. Wenn es zu einem Diktum wird, dass ein K¹nstler eine solche Praxis vornehmen muss, um seine eigene Tôtigkeit als K¹nstler zu rechtfertigen, spôtestens dann sollte man ¹berlegen, inwiefern die eigene Praxis schon wieder problematisch geworden ist. Dann wôre das Gegenteil von dem erreicht, an dem urspr¹nglich gearbeitet worden ist, nômlich die Definition von dem was Kunst ist oder sein kann, zu erweitern.

Fusion: Danke f¹r das Gesprôch.