Sieben Jahre

Festival der Regionen

Rainer Zendron im Gespraech

Das biennal stattfindende Festival der Regionen geht jetzt ins “verflixte siebte Jahr.” Drei Programme wurden realisiert, das vierte steht unmittelbar bevor. Bei Publikum und Medien gibt es ein sehr gutes Echo, trotzdem ist noch immer nicht klar, in welche Schublade es passt.

Diese Frage haben wir uns vor dem ersten Festival gestellt und sie nicht eindeutig beantworten koennen. Da wir durch´s zunehmende Alter auch nicht klueger wurden, bleibt sie weiter offen. Das Festival hatte keine Vorbilder, sondern Aufgaben. Es ist dezentral, versucht, sich auf neue Weise mit alten gesell-schaftlichen Problemen zu beschaeftigen, es sucht einen breiten Diskurs mit den Menschen des Landes.

Immer wieder wird das Festival der Regionen mit dem Steirischen Herbst verglichen. Gibt es Parallelen, wo spuerst Du Unterschiede?

Der Steirische Herbst leitet sich von einem Kunst-Avantgarde-verstaendnis der 50er und 60er Jahre ab. In dieser Tradition versucht er in allen Sparten neueste Tendenzen der Kunst-entwicklung zu zeigen. Ob dieser Ansatz heute noch zielfuehrend und moeglich ist, muessen sich die Verantwortlichen ueberlegen. Das Festival der Regionen ist ein Kind der Gegenwart. In den letzten 40 Jahren hat sich der Blick auf die Kunst veraendert. Es gibt heute nicht die eine, verbindliche Entwicklung. Statt der Avantgarde stehen unterschiedliche Ansaetze in lockerer Verbindung neben-manchmal sogar gegeneinander.

Ihr geht oft recht schlampig mit den Begriffen Kunst versus Kultur um – versteht Ihr Euch selbst als Kunstfestival?

Wir legen unser Hauptaugen-merk jedenfalls nicht auf einen innerkuenstlerischen Diskurs. Wir verstehen uns nicht als kuenstlerInnenorientierte Probe-buehne, sondern als publikums-orientiertes Labor. Kreative Menschen sind fuer uns DienstleisterInnen. Deren Ideen fordern interessierte Bewohner-Innen unserer Region zum Nachdenken und Diskutieren ueber die Lebensbedingungen in der Gemeinschaft, ihren Umraum und die sozialen und kulturellen Bedingungen heraus. Ob sich unsere PartnerInnen selbst als KuenstlerInnen, PhilosophInnen, SoziologInnen oder Arbeiter-Innen verstehen, ist uns eigentlich gleichgueltig.

Wie kommen die Kuenstler-Innen mit diesen geaenderten Aufgabenfeldern und Anforde-rungen zurecht?

Die Reaktionen von seiten der KuenstlerInnen sind recht unterschiedlich. Teils ist die Kritik heftig und andauernd; gluecklicherweise jedoch fast ausschliesslich von jenen, die sich selbst nicht mit Projekten am Festival beteiligen wollen. Juengere und spartenueber-greifend arbeitende Kuenstler-Innen oder solche, die nicht so sehr auf konventionelle Rezeptions-gewohnheiten angewiesen sind, empfinden die Vorgaben als interessante Herausforderung. Theater, Konzerthaeuser und Galerien sind nach wie vor wichtig, aber keineswegs fuer alle. Viele KuenstlerInnen wenden sich heute dem Alltagsleben und seinen Problemen sehr unvermittelt zu und suchen Herausforderungen abseits des traditionellen Kunstumfeldes.

Gegen wachsende aengste vor einer Globalisierung wird von der Politik immer haeufiger ein kultureller Regionalismus als Placebo-Droge verschrieben. Allzu oft fuehrt dies zu einem synthetisch-volkstuemlichen Einheitsbrei, der Klischees reproduziert statt von regionalen Erfahrungen auszu-gehen.

Wir denken nicht daran, an einer Festschreibung des Bildes vom typischen Oberoesterreicher mitzuarbeiten. Die Bewohner-Innen unseres Landes sind unter-schiedlich gepraegt: ArbeiterInnen und Bauern, Frauen und Maenner, Weltoffene und Kleinbuergerliche. Wie alle Menschen werden sie von ihrer sozialen und kulturellen Unwelt beeinflusst. Ein Aspekt davon sind lokale Traditionen und regionale Gegebenheiten. Das Festival der Regionen setzt sich mit solchen Alltaeglichkeiten der Menschen unseres Landes auseinander.

Du sagst, dass sich Projekte mit regionalen Gegebenheiten und Befindlichkeiten auseinander-setzen sollen. Trotzdem kommen immer wieder auslaendische Kuenstlerinnen und Kuenstler mit ihren Projekten zum Zug.

Aus welchem Bundesland oder Staat eine Einreichung kommt, hat wenig Bedeutung. Uns interessieren hauptsaechlich die Ansaetze, die Realisierbarkeit und moegliche Wirkung des jeweiligen Projektes. Wenn sich auslaendische Kuenstlerinnen mit regionalen Situationen ausein-andersetzen, ist uns dies nur recht. Oft kann der "fremde“ Blick Dinge und Situationen erkennen, die uns gar nicht mehr auffallen. Wir sind stolz darauf, dass international renommierte KuenstlerInnen wie Dara Birnbaum, die WochenKlausur, Joseph Kosuth oder Leo Schatzl spezifische neue Projekte fuer das Festival der Regionen realisiert haben. Im uebrigen bin ich sicher, dass es fuer KuenstlerInnen und Initiativen sehr fruchtbar ist, mit renommierten KollegInnen zusammenzuarbeiten.

Regional gut verankerte Kulturinitiativen kritisieren manchmal, dass sie ob der Konkurrenz "auf der Strecke“ bleiben, obwohl sie ueber die Jahre wichtige Arbeit leisten.

Wir achten darauf, dass auslaendische KuenstlerInnen mit lokalen Kulturinitiativen bei konkreten Projekten moeglichst eng zusammenarbeiten. Daraus ergeben sich Synergieeffekte und man kann voneinander lernen. Nicht zuletzt deshalb, weil detaillierte Kenntnis der lokalen Zusammenhaenge und kuenst-lerische Erfahrung fuer die Neuentwicklung von Arbeiten unabdingbar sind. Sicherlich werden Projekte von einheimischen KuenstlerInnen und Initiativen mit besonderer Sorgfalt geprueft. Es gibt jedoch fuer niemanden ein "Freilos“. Wir wollen alle zwei Jahre ein qualitaetvolles und spannendes Festival praesentieren und nicht ein Medley aus der Werkstatt oberoesterreichischer Kreativer, Landeskulturwochen sind nicht unsere Sache.

Wenn man die vergangenen Festivals verfolgt hat, bemerkt man in der Konzeption sehr unterschiedliche Ansaetze.

Keinesfalls wollen wir, dass das Festival in Routine erstarrt. Bevor wir Gefahr laufen, uns selbst zu imitieren, hoeren wir lieber auf. Innovation darf nicht zum Selbstzweck verkommen, doch bedingt gerade die lebendige Auseinandersetzung mit der Region und ihren Menschen eine stetige „Nachjustierung“. Wir organi-sieren keine traditionelle Werkschau und sind auch nicht an der Praesentation von herer Kunst interessiert, sondern an aktuellen Diskussionen des Lebens in unserem Land, und dies ist schliesslich auch einem bestaendigen Wandel ausgesetzt.

Beim vergangenen Festival habt Ihr unter dem Titel "Kunst.Ueber.Leben.“ auf Interventionen in den Alltag gesetzt. Die Rezeption war deshalb fuer interessierte FestivalbesucherInnen recht schwierig. Habt Ihr daraus fuer das heurige Festival Lehren gezogen?

Nein! Ich habe das letzte Festival extrem spannend empfunden, und wir bekamen international – aber auch vor Ort – ausge-zeichnete Rueckmeldungen. Zum gezielten "Konsumieren“ war zugegebener Massen wenig dabei. Die Projekte orientierten sich nicht an einem Festivalpublikum, sondern die Bevoelkerung wurde in Alltagssituationen mit ihnen konfrontiert. Man stolperte gewissermassen unvorbereitet ueber die Kunst, und das laeste teilweise heftige Reaktionen aus. Beim kommenden Festival gehen wir jedoch einen ganz anderen Weg. Unter dem Aspekt der Kunstproduktion und -rezeption werden abgelegene Raender als Schwerpunktregionen sehr konzentriert bespielt. Ein Programm aus Events, schwierigen Kunstformen und innovativer Vermittlungsarbeit versucht jeweils, formal heter-ogene Packungen zu bilden, welche die lokale Bevoelkerung auf unterschiedlichen Ebenen beruehren soll. Diese Kristalli-sationszentren an der Peripherie werden es fuer Festival-touristInnen wieder leichter machen. Das ist ein positiver Effekt, aber nicht vorrangiger Ausgangspunkt.

Das Festival der Regionen erscheint schon von der Ausgangslage wie der Versuch der Quadratur des Kreises. Normalerweise findet ein Festival an einem Ort statt. Ihr versucht, ein Bundesland zur Buehne zu machen Wenn sich eine Konzeption bewaehrt, versucht Ihr sofort wieder eine neue; statt einer stringenten Programmierung setzt Ihr Widersprueche und Unverein-barkeiten.

Wie diese Quadratur bis heute nicht gelungen ist, wird uns auch das optimale Festival nie gelingen, doch dies ver-wirklichen auch nicht jene, die sich konventionelle Aufgaben stellen. Der Versuch aber macht unsere Arbeit spannend, und wenn wir keine Freude daran haben, kann auch der Funke nicht auf das Publikum ueber-springen.

In diesem Sinne wuenschen wir uns, dass das Unmoegliche gelingen moege.

Linz, 1999

Das fingierte Interview fuehrte Rainer Zendron mit sich selbst. Rainer Zendron ist Gruendungsmitglied und derzeitiger Obmann des Festivals der Regionen. Hauptberuflich abeitet er als Lehrer an der Universitaet fuer Gestaltung in Linz und als Kurator am O.K-Centrum fuer Gegenwartskunst.

Das Festival der Regionen findet alle zwei Jahre im Raum Linz, Oberoesterreich unter internationaler Kuenstlerbeteiligung statt. Fuer das kommende Festival 2001 werden bereits Projekteinreichungen angenommen.

Naehere Informationen unter der Internet-adresse: www.fdr.at