Heldenstadt Berlin

Im Rahmen eines k╣rzlich mit dem SPIEGEL gef╣hrten Interviews hat der niederl˘ndische Schriftsteller Leon de Winter sich in einem Nebensatz ╣ber die besondere Art des deutschen Humors ge˘u-ert: "J╣dischen Humor versteht man in ganz Europa und in Amerika. Alles dreht sich darum, dem Leiden im Leben einen Platz zu geben. Den deutschen Humor versteht man woanders nicht. Wenn man bedenkt, da- das gro-e kulturelle Ereignis in Deutschland das "Oktoberfest" in M╣nchen ist, dann wei- man, da- die Ausstrahlung in die Welt ziemlich begrenzt ist."

M╣nchen und Berlin liegen gerade im Streit. Was aber nicht daran liegen kann, da- die eine Stadt lustiger ist als die andere. Mit polierter Fresse l˘-t sich an beiden Orten nicht so einfach ╣ber die Spa-attacken von Polizisten gegen╣ber harmlosen "Oktoberfest"-Besuchern oder von betrunkenen Skinheads gegen╣ber Ausl˘ndern lachen, geschweige denn ╣ber die alt-neuen Stammtischwitze, in denen die Vorurteile der Dummdeutschen gegen╣ber den Nachbarn im Osten fríhliche Auferstehung feiern.

In der alten Bundesrepublik galt M╣nchen als Hauptstadt des Glamour und des Geistes. Seit dem Umzug der Regierung nach Berlin schwindet der glanzvolle Ruf der Bayern-Stadt. Vor allem Autoren, K╣nstler und Journalisten ziehen fort.

Dabei passiert gar nicht so viel in Berlin, jedenfalls nicht mehr als anderswo - mit einem Unterschied: seit sich Berlin mit New York vergleicht steigen die Mieten, die L˘cherlichkeiten wirken noch bizarrer und die Selbstverliebtheit der Kunstszene hat ein Ma- an Aggressivit˘t nach au-en entwickelt, das es zunehmend unmíglich macht, als Neuankímmling irgendwo Fu- zu fassen. So zersplittert sich die Szene mehr und mehr. Vitaler wird das Kunstklima dadurch nicht, nur der Konkurrenzdruck steigt.

Das Image einer Stadt wird nicht nur durch die Summe der Firmen, Kulturst˘tten oder Kneipen und Clubs gepr˘gt, sondern immer auch von Ger╣chten, davon, da- eine kleine Gruppe Meinungsmacher behauptet, ihre k╣nstlerischen und geistigen Hervorbringungen seien unbedingt an diesen speziellen Ort gebunden. In oder out: das ist nicht nur eine Frage der Fakten, sondern auch der Empfindungen. Das wird in Berlin besonders deutlich.

Kurz nach dem Mauerfall galt die "Auguststra-en-Kunst" und das, was in den kleinen Ladengalerien, in Abbruchh˘usern und in ehemaligen Fabriketagen zu sehen war, als selbstbewu-ter Gegenentwurf zu allem, was nach Mainstream, Marktzw˘ngen und nach den Ritualen der "westlichen" Sauberm˘nner-Gesellschaft roch.

Zehn Jahre sp˘ter haben auch ╣berzeugte Dilettanten begriffen, da- ihr Kontrastprogramm sie nicht sch╣tzen kann vor dem Karrierehoch - im Gegenteil. Die Erwartungen der Feuilletons und der Kleinb╣rger-Kunstwahn haben die Allianz aus "Volksb╣hnen"-Rotz und Auguststra-en-Romantik aus ihrer Nische herausgehebelt und ihr ihren festen Platz in der kulturellen Kuschelgemeinschaft zugewiesen. Jeglicher Kampfgeist ist dahin. Die Gewieften und Klugschei-er regieren wieder und sogar die Jammer-Ossis, ╣ber die ein freundliches Schicksal l˘ngst schon die Gnade des Vergessenseins breitete, haben begriffen, da- ihre neue Identit˘t aus der Quelle der Deutschen Bank sprudelt.

Inzwischen spricht alles daf╣r, da- es sich bei der ehemaligen kritischen und zum Teil sogar gegenkulturellen Potenz um einen zusammengepre-ten Hohlkírper handelt, der nun mehr und mehr mit dem allgemein ╣blichen postmodernen Ausstattungsvorrat gef╣llt wird. Ein zutiefst normaler Vorgang. Nicht anders als beim Niedergang Techno, wie er sich seit drei Jahren schleichend vollzieht, seit ein knallhartes Berliner Management eine Million beeperheads elektronisch auf Linie gebracht hat. Die LOVE PARADE ist wirklich die faschistischste, spa--militanteste Massenpsychose, die es je in Deutschland gab. Albert Speer h˘tte seine Freude daran gehabt. Und nat╣rlich handelt es sich um die perfekteste Geldmaschine, die je in Berlin erfunden wurde. Nun also ist klar, was aus dem ehemaligen Berliner Techno-Spontan-Impuls geworden ist: das Schlimmste, was den ehemaligen Undergroundfreaks passieren konnte - ein gut geschmierter Apparat aus gewieften Schlitzohren und nach wie vor aufopferungsbereiten Trotteln, die mit dem Experiment und dem Wagnis l˘ngst fertig sind und nur noch im Schulterschlu- mit Markenartikler-Sponsoring Kasse machen.

Man kann diese Entwicklung mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen. So wie sie, einem Lauffeuer gleich, an Boden gewinnt, ist sie der Gradmesser f╣r ein sich ˘nderndes Lebensgef╣hl.

Das Aufregendste an Berlin sind aber zur Zeit die wie Pilze aus dem Boden sprie-enden seltsamen Produktionsformen, rastlosen Abseitsbewegungen und ein allseits ironisches Spezialtraining in Sachen Kunst. Ein wieder (oder noch immer?) verbreiteter Kollektivismus mit beeindruckenden formalen Produkt-Konstanten (und einer Flut von K╣nstlerb╣chern, Fanzines, CDs, Multiples, Flyern, Postkarten) macht von sich reden. Sollten ˘sthetische Winkelz╣ge dieser Art einmal Kunstgeschichte werden, kínnten sich sicherlich ganze Hundertschaften flei-iger Historiker von der Aufarbeitung dieser Ph˘nomene ern˘hren.

Ost- wie West-Berlin hat seine Traditionen in Sachen Gruppenaktivit˘t mit intellektueller Synchronisierung. Doch heute f˘llt es zunehmend schwerer, die alten Grenzen nachempfinden zu wollen. Denn es gibt sie nicht mehr. Auf die schínf˘rberischen und ausgrenzenden Sandkastenspiele des Berliner Stadtmarketing reagieren alle Gruppen und Initiativen gleicherma-en mit Abneigung.

So gut wie in jedem dieser freien Projekt geht es um konzeptuelle Alternativen, um Kampfpausen im Kunstring, um die Verweigerung von Ehrenpl˘tzen. Ein neues Salonbolschewistentum ist entstanden, da- seine radikale Zentrale im CAFE BURGER in der Torstra-e hat, dort wo der Dichter Bert Papenfu- sein Untergrundblatt "Gegner" herausgibt - mit reichlich Revolutionslyrik, "Russen-Disko" und nat╣rlich den beliebten Schm˘hreden auf den globalen Kapitalismus, zu Papier gebracht vom ewigen Anarchisten Alexander Brener. So wird die Provinz Berlin auf dem Weg ╣ber die pathetischen Wortgewitter wieder jung gegl╣ht. Und jung sein wollen doch alle Helden, die dazugehíren wollen ...