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GESAMTKUNSTWERK: JUBILÄUM

Das Künstlerhaus Bethanien beging sein 25. Jubiläum mit der einwöchigen Performancereihe "durchreise" "Eine der wichtigsten Intentionen des 20. Jhs. war die Implementierung der Kunst als Teil des Lebens: das Leben als Artefakt. Denken Sie nur an die Dadaisten, Futuristen und die Avantgardisten des Kommunismus."
Wir sitzen im Arbeitszimmer des Direktors des Künstlerhauses Bethanien, eines leicht ergrauten, vornehmen Erscheinung, die im übrigen keinerlei Ähnlichkeiten mit Tzar oder Majakowskij aufweist, und lauschen seinen Berichten über die radikalen künstlerischen Vorlieben des Hauses. Michael Haerdter übte seit der Gründung des Künstlerhauses Bethanien das Amt als Direktor aus und geht nun mit dem 25. Geburtstag des Hauses in Pension. Die Jubiläumsfeier findet ganz im Sinne der Ausführungen des Direktors statt: eine langweilige offiziöse Prozedur wird zum Artefakt.
An fünf Abenden wurden die beiden Studios des Künstlerhauses nicht nur Performance-Künstlern aus Deutschland, sondern auch Israel, Spanien, Japan u.a. Ländern überlassen. Das vom Haus organisierte Festival mit drei Performanceauftritten pro Abend trug den dynamischen Titel "durchreise". Die Performance selbst stellt immer noch eines der lebendigsten, unberechenbarsten und mitunter auch skandalösesten, wenn auch etwas antiquierten Genres der zeitgenössischen Kunst dar.
Selbst während der feierlichen Zeremonie "Die Geburtstagsfeier" am 8. April saß ein etwas stärker gebauter, kleinwüchsiger Mann in Jacke und Wollhaube hinter den Rücken der ansprachehaltenden VIPs. Er spuckte zwei Tage lang zerkaute Papierkügelchen an die Wand, die den riesigen, auf der weißen Wand jedoch kaum auszumachenden Namen der Supermarktkette "EDEA" ergaben. Der Berliner Künstler Ulrich Lepka nützte in seiner Performance auf provokative Weise die Spezifik des ihm zur Verfügung gestellten Ortes: die Bühne des größten Saales im Künstlerhaus Bethanien befindet sich in der Apsis der ehemaligen Kirche des ehemaligen Lutheranischen Krankenhauses. Lepka schuf auf idiotische Weise das sakrale Symbol, sozusagen eine neue Ikone, unserer idiotischen Kosumzivilisation in diesen desakralisierten Räumen.
Michael Hardter wird nicht müde zu betonen, daß "Kunst im Zusammenhang mit der Gesellschaft stehen und der Künstler kritisches Denken an den Tag legen muß." Trotzdem bildete die Wandbespuckungsperformance - ob zu unserem Leidwesen oder Glück, ist schwer zu sagen - nicht die einzige offen soziale Geste des Festivals. Ohne die Arbeit "Über die Information" des Spaniers Bartolomeo Ferrando, der in seiner Performance ein auf einem Rost positioniertes Radio, das die aktuellen Nachrichten brachte, anzündete und die Überschriften der letzten Tageszeitung in sinnlose Kalligraphie -über aufgehängte Papierbögen rinnende Tusche - verwandelte.
Ferrando schafft jedoch eine visuelle Poesie, in der die Dekonstruktion des ideologischen Diskurses der Alltäglichkeit eher affirmativen Charakter trägt. Für einen Poeten und Kleptomanen fügt sich alles in eine Zeile - Zeitungsmüll wie Informationsmist, er schwebt über diesen, anstatt verbittert mit ihnen zu polemisieren.
Das "durchreise" Programm baut nicht auf einer Eskalation der Polemik und Sozialkritik, sondern der passiven Enzyklopädisierung des Genres Performance, auf, wobei dieses in einem maximal breitem Sinne verstanden wird. Neben der visuellen Poesie von Ferrando bot der Niederländer Jaap Blonk seine Lautpoesie dar. In seiner "Solo Voice Performance", einer phonetischen Show, spielte er auf der eigenen Stimme wie auf einem Fortepiano.
Eine plastische Performance, deren Inhalt sich hinter der exaltierenden Form verbarg, zeigten die in Berlin nicht unbekannten Tänzerinnen Junko Wada und Sasha Waltz. Die freien Improvisationen von Waltz sowie die japanisch genau durchdachte Choreographie von Wada erfordern eine spezielle Begleitung und würden ohne die Percussion auf der Eisentonne durch Robyn Schulkovsky nicht auskommen. Sie zieht sich durch die gesamte Sound/Lichtshow, die von Hans Peter Kuhn, Waltz ständigem Co-Autor, für Wada gestaltete wurde. Dabei handelte es sich nicht nur um rein plastische, sondern auch akkustische Performances.
Die Symbiose von Bewegung, Sound, Licht und einem Schuß passenden Text hingegen nennt sich Theater. An drei Tagen wurde im Künstlerhaus Bethanien praktisch ein Ministück von Tamar Raban aus Israel aufgeführt. Die minimale und monoton gehaltene Handlung vor den in einer Schleife ablaufenden Videoreproduktionen und einem auf einem Fernsehbildschirm gezeigten Videofilm wurde durch den von Raban in Hebräisch gesprochen Text komplementiert und untermauert wobei die deutsche Übersetzung auf einer Lichtzeile lief. Die Performance trägt den Titel "No-Book" (Nein-Buch, die Kopfbewegung beim Lesen beschreibend). Tamar Raban erzählt wahre Episoden aus ihrem Leben, die in der theatralischen und pathetischen Performance zum Artefakt werden. Allerdings mit Mühe.
Es ist wahrscheinlich heute generell schwierig, das Publikum mittels einer Performance zu überraschen. Die Performanceart blickt auf eine lange Gechichte zurück und weist ein verzweigtes System von Erscheinungsformen auf. Sie stellt mittlerweile einen unabdingbaren Bereich der Kunst dar und ist ein nicht weniger beachtetes Genre als die bildende Kunst, ungeachtet dessen wird von ihr immer Neues erwartet. Genau davon handelt die Performance über die Performance (Metaperformance) von Esther Ferrer mit dem Titel "Konferenz ZAJ" (von ZAJ, span. nichts, Name der Gruppe von Performancekünstlern, der Ferrer Mitte der 60er Jahre angehörte.) Die Künstlerin aus Spanien hielt einen ironischen Vortrag über die Geschichte und Theorie der Performancekunst, wobei sie mit akademischer Akribie und professorenhafter Gestik lautlos einen Votag hielt und nur das Wort Performance und seine Epiteta laut aussprach. Von Zeit zu Zeit demonstrierte sie auf anschauliche Weise mogliche Formen der Performance, zerschlug mit einem Hammer rohe Eier, entblo?te ihre Brust, schrie ins Megaphon, kroch unter den Lektorentisch, ...
Diese Parodie auf die akademische Vorlesung art star fand den stürmischen Beifall des Publikums, was in Wirklichkeit nur eines bestätigt: die Performance ist müde, vielmehr noch, sie ist bereits mumifiziert. Oder aber sie ist gezwungen, unübliche Formen anzunehmen und sich fremden Raum zu erobern.
Am letzten Tag des Festivals "durchreise", kurz vor den offiziellen Glückwunschansprachen, initiierte der polnische Künstler Roland Schefferski eine Art Aktion. Er versammelte Künstler aus Deutschland, Polen und Russland an einen für ein derartiges Projekt traditionellen runden Tisch zu einem scheinbar ernsten Gespräch über die Probleme der Kommunikation, der nationalen Identität und Kunst allgemein. Die Aktion selbst war mit dem dreisprachigen Titel "Ein Gespräch - Rozmowa - Rasgowor" belegt. Die Diskussion sollte sich, Schefferskis Bedingung zufolge, dass sich jeder Gesprächsteilnehmer in seiner Muttersprache ausdrückte, in ein babylonisches Chaos verwandeln, ein Effekt, der durch die gleichzeitig agierenden Performancekünstler Ulrich Lepka und Pawel Althamer, der in einem weißen Astronautenanzug durch den Saal wandelte, und die Videos der Moskauer Gruppe AES verstärkt wurde. Wenn es Schefferskis Ziel war, den Eindruck von absurdem Nonsense zu erwecken, so ist ihm dies zweifellos gelungen. Das Leben (die geschäftliche Künstlergespräche an runden Tischen gehören eher dem Alltag an als der Kunst) wurde zum Artefakt.
Die extravaganten Feierlichkeiten zum Geburtstag des Künstlerhauses Bethanien gehen weiter. Für den 20. April ist die Eröffnung der internationalen Ausstellung unter dem bereits bekannten Titel "durchreise" anberaumt. Das Jubiläum hat tasächlich alle Chancen, zu einem GESAMTKUNSTERK zu avancieren.