Toni Kleinlercher / Gerald Nestler

G: Das ergibt sich durch die Zeitverschiebung USA-Europa. Ab 15:30, sobald zu unserer Zeit in Chicago der Handel des Standard&Poors 500, einem wichtigen Aktienindexmarkt beginnt, wird dieser eingespielt. Das bedingt auch die voiceline, eine akustische Live-Schaltung, die eine wichtige Rolle in unserer Installation spielt. Und als eine Art Referenzmarkt, der T-Bond, ein Anleihenmarkt, d.h. ein Markt an dem Zinspapiere gehandelt werden. Welche Märkte davor über den Bildschirm laufen, werden wir noch sehen. Auf alle Fälle stehen auf der visuellen Ebene der Kurven der Kardiogramme exemplarische Bewegungen der Weltbörsen gegenüber und zwar in realtime. > sexycurves < besteht prinzipell aus 2 verschiedenen Ebenen: einer visuellen und einer akustischen. Der erste Eindruck, den man bekommt ist vor allem ?Sound?, n”mlich eine Live-Einspielung des Handels an einem der gr–þtenB–rsenpl”tze, der Chicago Mercantile Exchange. Am Anfang wird der groþteils abstrakte Begriff von B–rse, mit dem die meisten eigentlich wenig anfangen k–nnen, auch wenn viele ein biþchen Aktien handeln, als akustisches Ph”nomen behandelt, das die Psychologie und den extrem emotionalen Gehalt und die enorme Aktivit”t dieses Systems, und damit seine Lebendigkeit, erlebbar macht. Auþerdem finden wir das Geschehen auch einfach als ?Musik?, mit seinen Rhythmen, Pausen, Aufschw¸ngen, etc. interessant. Diese anf”nglich als wirres Geschrei wahrgenommenen Sounds sind aber nat¸rlich extrem wertvolle Information, man k–nnte sagen, sie sind pures Gold wert. Die Geldmenge, die da an einem Tag gehandelt wird, ¸bersteigt wahrscheinlich das Budget kleiner Staaten. Da trifft dann harte Realit”t auf Virtualit”t, da einerseits Gesch”ft gemacht wird, andererseits auf diesem Gebiet, dem sogenannten Terminhandel, die Betr”ge erstens in ihrer gesamten H–he v–llig aus jedem vorstellbaren Bereich kippen und als Derivat ja eigentlich rein virtuell existieren. Und da geht man dann durch diesen ?Soundkorridor? die Stiege hinauf und sieht erst dann in die Installation: da sind dann vier Monitore, die tief, fast am Boden, stehen, weit dar¸ber eine Laufleiste, ¸ber die Zahlen, mathemtische Gleichungen ablaufen, die ohne zus”tzliche Info zuerst mal gar nicht verst”ndlich sind und im Hintergrund ein transparenter Industrievorhang, der den langgestreckten Raum zerschneidet und dahinter eine kabinenartige Situation schafft. Man sieht und geht dann also in den Raum und bekommt gleichzeitig mit, das eine andere Soundkomponente h–rbar wird: wir haben ein Ultraschall-Herzkardiogramm machen lassen, das einerseits als Videoloop zu sehen ist und auch eine auditive Qualit”t besitzt: das klingt nicht wie ein gew–hnlichen Herzger”usch, sondern man h–rt den hin-und herwogenden Blutfluþ im Herzen. Und das ist, wie wir finden, ein extrem intensiver Klang, voller Dynamik. Und er steht nat¸rlich auch f¸r unser Leben, es sind ja unsere Herzen. Gleichzeitig kann er aber auch als Metapher f¸r die ÷konomie, die B–rse im spezifischen Fall verstanden werden, die ja auch eine Tag und Nacht durchgehende Dynamik des Geldflusses hat und bis in entlegene Regionen der Welt Wirkung zeigt, indem sie ihr System durchsetzt. Und genauso wie man den Blutkreislauf selbst eigentlich, bis auf wenige Stellen, nicht sp¸rt, erleben wir auch den Kreislauf der virtuellen Geldfl¸sse nicht bewuþt. Erst wenn Probleme auftauchen, wir unseren Blick auf die Schwachstellen werfen, realisieren wir, was da vorgeht. Wenn man mal als Beispiel die Welt auf der wir leben, als K–rper sieht, nehmen wir dann ?Krankheiten? war. Und die sind nicht neoliberal marktstrategisch oder mathematisch, wissenschaftlich l–sbar, sondern ben–tigen Strategien, die dieses System intensivst hinterfragen und wohl sicher nicht global anwendbar sind. Ich muþ da noch klarstellen, daþ es uns nicht darum geht, das Weltwirtschaftssystem einfach mit einem biologischen K–rper zu vergleichen, sondern in der Gegen¸berstellung Tendenzen einer Aufl–sung des Individuellen in –konomischen Groþsystemen problematisieren wollen. Und diese Aufl–sung findet nun beispielhaft ¸ber die Laufleiste statt. Die ist ja ein weit bekanntes Symbol f¸r B–rsengesch”fte, von Hollywood und TV gerne verwendet. Diesen ?Ticker?, der sonst im Durchlauf neue Handelswerte zeigt, verwenden wir symbolisch als eine Art mathematische Dauerberechnung eines (sich verst”rkenden) Equilibriums. Und Equilibrium bedeutet zu Ende gedacht immer eines: Tod. Und damit sind wir dann im hintersten Teil des Raumes, hinter dem Transparentvorhang, in einer Art Krankenraum, Zelle, dem Feld des Individuums. Wenn man sich dort befindet, sieht man zwar raus, ist aber dennoch getrennt vom auþen. Und dort steht ein einfaches Untersuchungsbett, wie man es aus jeder Arztpraxis kennt, es gibt ein B¸cherbord mit literarischer Weltliteratur und ein EKG-Ger”t. Die Auswahl der B¸cher ¸bernimmt eine B¸cherei, die zwischendurch auch mal alles auswechseln werden. Wir wollten das, wie in der Wirtschaft ¸blich, an Spezialisten auslagern. An sich funktioniert das f¸r uns so als Raum f¸r sich. Es gibt aber die Einladung an die Besucher, sich zu beteiligen. Das heiþt, es wird ihnen ihr EKG abgenommen, das sie dann ausgedruckt mit nach Hause nehmen k–nnen. Dieses EKG wird vorne als Kontrapunkt zum B–rsenchart am Monitor ausgestrahlt, also ebenso als Live-Kurve. W”hrenddessen lesen sie eine Textstelle aus einem der B¸cher vor (sie k–nnen nat¸rlich auch einfach etwas sagen, das ihnen gerade durch den Kopf geht, etc.).Und auch den Text, den sie sprechen, h–rt man auf der ?anderen Seite?, aber in diesem Fall nur, wenn man ganz nah ran geht an denVorhang, fast in Griffweite der Person steht. Man muþ also metaphorisch durch die Ger”usche, Ablenkungen, durch die ganzeKommunikation etc. der Welt durch, um zu einem Menschen zu kommen, ihr oder ihm zuzuh–ren. Erst in der Intimit”t funktioniert Verst”ndigung. Die Trennung bleibt aber bestehen.