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KUNST HILFT KOMMERZ (statt umgekehrt)

* So schlimm wie in diesem Herbst hat der Kommerz noch nie der Kunst in Hamburg zugesetzt. Erst wurde dem unsäglichen „Grand Marché" ein Auftritt in den Deichtorhallen ermöglicht, dann startete eine Zigarettenfirma in einem anderen bisher anerkannten Kunstraum eine ihrer besonderen Kampagnen: Unter dem Applaus von über tausend Gästen wurde im Oktober eine Wanderausstellung von „BadArt" in der Halle K am Klosterwall eröffnet. Neben ausgesuchtem Kitsch, exemplarischen Fundobjekten und auf dem Boden entdeckten Überflüssigkeiten wie Dreiviertelakte und Hitlerbild wimmelt es dort von kruden Machwerken, denen die Beschriftungen unsinnigerweise Künstler als Hersteller unterstellen.* Als die beiden Kunsthochsulabsolventen Florian Borkenhagen und Peter Gersine vor über zwei Jahren mit dem „First Aid for Bad Art"-Projekt begannen, stellte ihre performative Intervention in den Kunstbetrieb die stets notwendige Frage nach den Kriterien und bot eine witzige Möglichkeit der Diskussion. Doch die Geister, die sie riefen, haben die Künstler unter der Flagge einerZigarettenmarke überwältigt und in einer grauenvollen Mischung ausVerherrlichung der Trashkultur und Distanzformen des hochkulturellen Ausstellungsbetriebes die ursprüngliche Idee transformiert und zu einem beleidigenden Gag ruiniert.* Im Besucherbuch der leider äußerst erfolgreichen Ausstellung steht: "Was hierhängt, könnte alles genauso in der „Galerie der Gegenwart" hängen und umgekehrt...ich sehe den Unterschied nicht". Aber eben genau darauf kommt es ja an. Doch die einzige in der Ausstellung angebrachte Texttafel beklagt ausdrücklich: „ ... unverständliche Fachtermini und komplexe Abhandlungen durch vermeindliche Experten. Deshalb richtet sich westArt gegen die klassische, traditionelle Bewertungen der Kunst durch eine meinungsmachende Minderheit." Da darf man doch fragen, wozu im Eröffnungsvortrag gerade eine Expertin wie diePräsidentin der Hamburger Hochschule für bildende Künste zu ernsthaften Gedanken über das Unterscheidungsvermögen gebeten wurde. Der populistische Vorwurf gegen die Kritik ist etwa so intelligent, wie Herrschaft der KFZ-Mechaniker über dieAutos oder das Fachwissen der Ärzte zu beklagen. Dieses Musterbeispiel antiaufklärerischer Werbung zerstört Jahrzehnte ernsthafter und mühsamerVermittlungsarbeit und bedient statt dessen unter dem Spaßmantel und dem Etikett der Geschmacksfreiheit unterschiedslos sämtliche Vorurteile gegen Kunst.* Nur wenig früher hatte das kommerzielle Unternehmen „Grand Marché" für vierzigtausend DM drei Tage lang die große Deichtorhalle gemietet und an über 200 Künstler juryfrei Stände vermietet. Nun ist ein Markt ein Markt. Einem Markte vorzuwerfen, dass alle Beteiligten Geld verdienen wollen, wäre ebenso unsinnig, wie zu beklagen, das Stiefmütterchen und Strumpfbänder nebeneinander angeboten werden. Doch geht es um einen Kunstmarkt, ist die Sache schon kritischer. Findet der dann noch unter der Schirmherrschaft der Bürgermeister der Partnerstädte Marseille und Hamburg statt und ist in einem der wichtigsten Ausstellungsorte für zeitgenössische Kunst, den Hamburger Deichtorhallen lokalisiert, werden die Zweifel drängend, zumal eine derartig hohe Patronage durch den Senat bisher einer der wirklich bedeutenden Ausstellungen weder dort noch anderswo zugekommen ist.* Dass das französische Dienstleistungsunternehmen „Grand Marché" hier nur als Mieter auftritt, wird den meisten Besuchern und Künstlern gar nicht klar sein, für sie ist es eine Veranstaltung am berühmten Ort. Dabei ist die so geadelte Geschäftsidee nur logisch: Künstler sollen ohne die als lästige Qualitätsprüfer empfundenen Jurys, Galeristen und Kuratoren direkt an den Endverbraucher ihre Ware feilbieten können. Und für dieses noch jede Katzenmalerin einladende Konzept hat der bisher in der einstigen Kunsthauptstadt Paris, im belgischen Brüssel und im sowieso für jeden Event aufgeschlossenen Berlin (Schirmherrschaft: ja, Diepgen) schon 25mal tätig gewordene Veranstalter es geschafft, sich für seine erste Hamburger Veranstaltung mit ziemlich allen erreichbaren bunten Federn zu schmücken.* Jeder Mensch ist ein Künstler hat Beuys gesagt. Doch das bezieht sich auf die künstlerische Sichtweise des jeweiligen Tuns und meinte niemals, daß ein jeder auch Kunst innerhalb des Systems KUNST machen sollte - schon gar nicht dummes Zeug auf Bestellung einer Werbeagentur zusammenbasteln, wie „Miró raucht West",„Flasche mit Pickeln", ein Telefon mit Pelz oder ficken wollende Füchse für die inzwischen auf über tausend Objekte angewachsene BadArt Sammlung der Zigarettenfirma. In einem freien Land muss es auch jedem Menschen gestattet sein, Kunst zu machen, ohne sich durch irgendwelche Kriterien davon abbringen zu lassen und diese Ware dann gegen eine Standmiete von 220 Mark pro Quadratmeter (das einzige, was dabei in professioneller Höhe war) an den Käufer zu bringen. Etwa 40tausend Künstler gibt es in Deutschland, um die dreitausend allein in Hamburg. Dass nur eine winzige Auswahl davon einen Galeristen findet, ein noch kleinerer Teil davon in größere Ausstellungen kommt, mag schon bedauerlich sein, geschieht aber wirklich nicht gänzlich willkürlich und ohne Grund. Hier beim Grand Marché aber wird mit großen Worten eine Öffentlichkeit angelockt und die darf, wie Senatsdirektor Plagemann von der Kulturbehörde sagte, „das archaische Abenteuer des direkten Marktes" erleben. Über achttausend Besucher mochten sich durch das wirre Gewusel vollgehängter kleiner Stände durchgucken, in dem sich neben jeder Menge mäßiger Malerei Seltsamkeiten wie Zimmerspringbrunnen, Schmuck aus fossilem Mammut oder feinsäuberlich im Stil des vorigen Jahrhunderts gemalte Hamburgensien fanden.* Nicht dass es solche Veranstaltungen wie diese beiden gibt, ist neu. Schon längst gibt es nicht mehr normativ DIE Kunst, schon immer gab es auch das Bild für übers Sofa. Neu ist aber, mit welcher Dreistigkeit die Grenzen zwischen ernsthafter Kunst und dem Hobby- und Spaßbereich verwischt werden, ja dass das bisher zu recht Ausgegrenzte als wahre Kunst auftrumpft. Vom Staat in die Selbständigkeit des Stiftungsmodells entlassen, sind gerade in Hamburg Museen und Kunsthallen zunehmend auf Sponsoren angewiesen. Was aber, wenn die Wirtschaft statt ihr Scherflein dazu zu geben, sich nun ihre Events lieber selber macht und auf die Kriterien der seriösen Kunst pfeift - und viele Kollegen aus dem Kunstbetrieb in nachlässig gewählter Ironie auch nochmitpfeifen?

© 99, Hajo Schiff, Hamburg***