Interview mit Arnold Reinthaler (Künstler, Wien)

Alexander Sokolov: Wie der Titel "Rein-taler 1996" schon sagt, arbeitest du schon 3 Jahre an diesem Projekt.

Arnold Reinthaler: 1996 hat es einen radikalen Bruch gegeben in meiner Auffassung über Kunst. Ich empfand es plötzlich als langweilig, Skulpturen und Dinge zu bauen, in denen sich eine Idee materialisiert, und die etwa 2 x im Jahr in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Für mich ist es sehr wichtig geworden, Menschen in Prozesse einzubeziehen, weshalb ich eben dieses Projekt mit den Münzen konzipierte. Überhaupt wollte ich einfach wissen, was den PerzepientInnen meine Arbeit oder die Kunst denn wert sei.

A.S.: Kann man sagen, dass es bei dieser Arbeit um Geld geht?

A.R.: Es geht im Grunde nicht nur ums Geld schlechthin. Ich hätte jedes banale Ding für diese Arbeit nehmen können. Aber da mein Nachname Reintaler ist, hat sich eben dieser Taler, also ein banales 10 Schilling Stück angeboten. Es wurden 100 österreichische 10 Schilling Münzen aus dem Geldverkehr gezogen und mittels 2 Stanzungen entwertet; auf der Vorderseite ein roter und auf der Rückseite ein blauer Stanzpunkt. Eine kleine Verletzung der Münze, ein ganz minimaler Eingriff und ein Farbpunkt.
Diese Auflage ist limitiert. Es gibt 100 Stück und die Stanzposition ist bei jeder Münze unterschiedlich. Durch diesen Wertewandel, der hier stattgefunden hat, wird jede Münze zum Unikat: ein echter "Reintaler".
Bei der Erstpräsentation damals in Linz konnten die BesucherInnen die Münze um den Nennwert erwerben, d.h. sie mußten 10 Schilling bezahlen und haben dann einen echten Reintaler erhalten. Der Mehrwert wurde damals sozusagen verschenkt. 40 Personen haben bei der ersten Ausstellung diese Münze erworben. Innerhalb der letzten 3 Jahren haben dann weitere 40 Personen die Münzen zu einem immer höheren Preis ersteigert, die letzte Person vor 1 Monat um S 2.000,--. Den Preis bestimme nicht ich, sondern immer der letzte Käufer.
Das Projekt konzipiert sich als Endlosprozess. Es funktioniert deshalb, weil eben die Knappheit dieser Auflage besteht. Die restlichen 20 Reintaler sind nun in der Ausstellung "Sozialmaschine Geld" im O.K-Centrum für Gegenwartskunst zu sehen und zu ersteigern. Wenn alle 100 Münzen verkauft sind, versuche ich meine eigenen Münzen zum momentanen Richtwert zurückzukaufen um den Prozeß am Laufen zu halten.

A.S.: Arbeitest du im Moment auch noch an anderen Projekten?

A.R.: Ein ähnliches Projekt nennt sich "Verstrickungen". Da ist dieser Gedanke von den Aktionären, noch weiter geführt worden. Bei diesem Projekt kann sich jede Person in ein "Kunstwerk" verstricken lassen. Sie wählt eine Wolle und eine Fläche aus und kann mich, als Künstler, dann beauftragen, an einem ganz bestimmten Ort zu stricken.
Die 1. Person hat verlangt, ich soll für sie ein grünes Quadrat stricken und zwar vor ihrem Geschäft in Wien. Ich bin vor ihr Geschäft gegangen, hab gestrickt und dann ist dieses Gestrickte dort angebracht worden, wo sie es wollte. Die 2. Person hat dann gemeint, ich solle für sie eine orange Fläche stricken und sie möchte mit dieser Person verstrickt werden.
Es wurde eine Broschüre entwickelt, wo sich diese Personen auch selbst beschreiben z.B. Brillenträger, liebenswert usw. Man sucht sich jemanden aus zu dem man hinzugestrickt werden möchte. Das ergibt dann ein Netzwerk von Personen und Orten, das immer größer wird und von mir auch nicht mehr kontrollierbar ist. Deshalb gibt es jetzt sogenannte Stricksets (Fotoapparat, Wollknäuel und Stricknadeln) zu kaufen; das fertige Teil schickt man ein und wird hinzugefügt. Ich wollte das nur erwähnen, weil hier die Idee von den Aktionären verstärkt wird, ein Netzwerk von unterschiedlichen Personen. Die Personen bekommen wieder ein Zertifikat und ein Abbild und werden dann immer wieder zu verschiedenen Präsentationen des Projektes eingeladen.
Ich wähle die Personen nicht aus. Es kann sich jeder beteiligen, der mitmachen will. Ich biete den Leuten das Strickset an und diese können sich das dann kaufen und mitmachen, oder auch nicht.
Es wäre schön, wenn sich das völlig meiner Kontrolle entziehen würde. Wenn dieses Geflecht wächst und wächst. Im Grunde habe ich bei diesem Projekt als Künstler überhaupt keinen Einfluß mehr.
Ich habe nur den Startschuß für dieses Projekt gegeben. Ich stricke nicht einmal noch selber. Es stricken andere Leute und gestalten dieses Ding. Als Künstler selbst mache ich nichts mehr. Sogar die Orte werden von den jeweiligen Personen ausgewählt.
Man muß einfach nur den Punkt erreichen, daß es sich verselbständigt.

Die 2 Projekte haben sehr viel Gemeinsamkeiten und sind doch sehr verschieden. Bei diesem Stricken habe ich mich, nur um zu zeigen, wie das System funktioniert, so eingebracht, indem ich diese einzelnen Flächen gestrickt habe. Ich war sozusagen nur noch der Ausführende.
Ich spiele ganz bewußt mit den Sehnsüchten anderer Leute, an einem Kunstwerk beteiligt zu sein, welches dann auch in Galerien präsentiert wird.
Es geht auf keinen Fall um das Produkt, welches da herauskommt. Dieses Kunstwerk, das dann an der Wand hängt, ist völlig nebensächlich. Es geht um die Diskussionen, die dabei entstehen, wenn ich jetzt als männlicher Künstler irgendwo auf der Straße sitze, und stricke. Es beginnen die heftigsten Diskussionen über Rollenverteilungen. Diese Diskussionen fließen dann sozusagen in dieses Produkt. Es gibt kein Atelier, ich arbeite an den unterschiedlichsten Plätzen der Welt.

A: Analysierst du diese Kommentare?

R: Es wird jede Kleinigkeit, die Entwicklung des ganzen Prozesses dokumentiert und gezeigt. In dem Video gibt es Kommentare von 9 unterschiedlichen Personen. Mir war es wichtig, daß es Leute mit den unterschiedlichsten Aufgaben in diesem Kunstbetrieb sind, die ein Statement zu diesem Produkt abgeben. Diese Leute sind wesentlicher Bestandteil an diesem Produkt, nur deshalb ist es möglich, daß die Münze real gekauft wird. Gäbe es diesen Kunstkontext nicht, würde es nicht funktionieren. Ich verkaufe die Münzen an ein sehr breites Publikum, aber diese Leute kaufen nur dann eine Münze zu einem hohen Preis, weil sie sehen, es gibt real Ausstellungen in Kunsträumen und Texte zu dieser Arbeit. Es ist für mich selbst ein Experiment.