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Interview mit Bojana Pejic (Berlin/Belgrad),
Kuratorin der Ausstellung "After the wall" in Moderna Museet Stockholm

Alexander Sokolov: Welche Idee stand ursprünglich hinter dieser Ausstellung. Hat sich die Idee im Laufe der Arbeit an der Ausstellung geändert oder entwickelt?

Bojana Pejic: Alles hat sich erst im Zuge der Arbeit entwickelt. Anfangs stand nur der Titel "After the wall" fest. Als mich der Direktor des Moderna Museet in Stockholm etwa vor 2 Jahren einlud, die Ausstellung zu kuratieren, war klar, daß es keine nationale Präsentation werden sollte, weil keine Biennale, sondern eine thematische Ausstellung geplant war. Die Ausformulierung der Themen erfolgte erst im Zuge der Ausstellungsvorbereitung. In den eineinhalb Jahren der Recherche besuchte ich 22 Länder, versuchte immer offen für Neues zu sein und sprach dort mit sehr vielen Künstlern, Theoretikern und Kunstkritikern. Erst im März diesen Jahres stand die endgültige Liste der teilnehmenden Künstler fest.

A.S: Es geht in dieser Ausstellung um vier Themenbereiche. Können Sie ein paar Worte dazu sagen.

B.P:Das erste Thema heißt "soziale Plastik". Ich habe diesen Terminus benutzt, weil die Künstler selbst diese Terminologie von Beuys benutzen. Die Künstler beschäftigen sich hier mit der Gegenwart, dem Heute und den damit verbundenen Problematiken, wie Nationalismus, Ausländerhass, Xenophobie etc., mit neuen Phänomenen wie die kaputte Ökonomie, neue Erfindungen der Religion in der postkommunistischen Welt. Gerade nach Erlangen der Unabhängigkeit hat Georgien viele neue Botschaften. Koka Ramschwili setzte sich mit dieser Thematik, Nikolos Lomanshwili mit dem Thema Terrorismus auseinander, indem er ein Terrorattentat auf Präsident Schevardnadze künstlerisch bearbeitet.
Der zweite Abschnitt behandelt die "Neu-Erfindung der Vergangenheit", wo die Künstler die Vergangenheit, den zweiten Weltkrieg oder den Totalitarismus der kommunistischen Zeiten thematisieren. Diese Künstler gehören nicht unbedingt der alten Generation an, es befinden sich hier auch jüngere Künstler wie z.B. Zbigniew Libera aus Polen. Das dritte Thema der Ausstellung beschäftigt sich mit der Frage nach der künstlerischen Subjektivität, das sich in den Werken entweder in einem dekonstruktiven oder einem idealisierten Sinne äußert. Der bosnische Künstler Nebojsa Soba Seric hat den Krieg miterlebt und beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit jener Vergangenheit und der heutigen Gegenwart in Bosnien. In dieser Sektion zeige ich auch die Werke von einer Künstlergruppe, die mit der Kritik am Ego arbeitet.
Der vierte Abschnitt "Mann und Frau" ist der Geschlechteridentität sowie der Geschlechterkonstruktion gewidmet: Weiblichkeit und Männlichkeit, Homosexualität und Körperlichkeit etc.

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Niko Lomashvili
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Georgien. Georgische Partisanen in Abchazia. 1998

A.S.: Welche sind die heutigen identitätsstiftenden Elemente?

B.P.: Es sind immer dieselben. Jeder möchte ein Genie sein. Es gibt sehr kritische, aber auch ironische Werke dazu, wie z.B. von Künstlern als Genius oder vom grossen Ego der Künstler. Es basiert oft auf Selbstrepräsentation - eine Art Selbstbildnis in Form von Video, Photographie oder Skulpturen.

A.S.: In Russland kann man die Künstler in zwei Gruppen einteilen. Es gibt Künstler, die in die Richtung des Westmarktes orientiert sind, und es gibt andere, die für den inneren Markt, z.B. für die Moskauer Regierung wie Zurab Tseretelli, arbeiten. Gibt es dieses Phänomen auch in anderen Ländern?

B.P.: Nicht, daß ich wüsste. Die Werke, die ich aus Russland in die Ausstellung genommen habe, sind kritisch. Es ist die Dekonstruktion der neuen Konstruktion der nationalen Identität. Die Künstler, die dieser nationalen Identität positiv gegenüberstehen und sie glorifizieren, gehören der traditionellen Kunst an. Sie haben in die Ausstellung "After the wall" keinen Zugang gefunden. Ich kenne niemanden in anderen Ländern, der in dieser Form Staatskunst macht.

A.S.: Dies ist anscheinend einzig ein Relikt in Rußland. In Osteuropa bildet sich zur Zeit ein innerer Markt. Es gibt da die 'neue Reichen', die Kunstwerke kaufen. Wie unterscheidet sich dieser innere Markt vom äusseren Markt?

B.P.: Es gibt keinen Unterschied. Die besten Galerien der postkommunistischen europäischen Länder sind in internationalen Kunstmessen präsent, z.B. Aidan aus Moskau oder Zderzak aus Krakau oder Jiri Svestka aus Prag. Dies sind Galerien im westlichen Sinne, die versuchen, zeitgenössische Kunst zu verkaufen. In Russland müssen die Galerien auch Antiquitäten verkaufen, um die Ausstellungen zeitgenössischer Künstler organisieren zu können. Um als Galerie mit zeitgenössischem Profil bestehen zu können, muß man andere Werke, Avantgarde oder Modernismus, verkaufen.

A.S.: Welche ästhetische Vorstellungen haben die 'neue Reichen' in osteuropäischen Ländern?

B.P.: Die erwerben jedenfalls keine Installationen. Ich glaube, sie interessieren sich vor allem für traditionelle Werke. Ich beschäftige mich ausschließlich mit zeitgenössischer Kunst.

A.S.: Kann man bei Künstlern in Osteuropa von etwas Allgemeinen oder von etwas Besonderen sprechen?

B.P.: Viele Besucher meinten, es gäbe keinen Unterschied, wenn sie diese Kunst mit der westlichen Kunst vergleichen - die selben Medien, die gleichen Themen. Es gibt nur einen Unterschied: KünstlerInnen im Osten müssen viel mehr Energie investieren, um ein gutes Video zu produzieren, da die Sponsorenstruktur viel schlechter entwickelt ist. Ich spreche jetzt nicht von den Soros-Zentren.
Ich habe bereits in einem Interview erwähnt - weil ich von vielen Leuten gefragt wurde - wieso ich auch Künstler der älteren Generation, nicht nur die sogenannte "neue" Generation der neunziger Jahre genommen habe. Meine Idee war es, keine Generationskluft zu konstruieren. Ich wollte auch die Künstler, die sich mit dem Konzeptualismus im ehemaligen Jugoslawien beschäftigen, sie sind jetzt um die 5o, nicht ausschließen. Sie sind in der Szene präsent, sie sind produktiv, und sie sind interessant - wie Irwin aus Slowenien, Mladen Stilinovic aus Kroatien, oder auch Nedko Solakov aus Bulgarien. Nedko ist ein Phänomen der achtziger Jahre, aber er hat immer noch was zu sagen.