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Alexander Sokolov: "Das neue Moskau" in IFA-Galerie Berlin

Deutsch von Valie Göschl

Seit jenem Tag, an dem auch die russischen Truppen in Tschetschenien einfielen, erhebt sich im Zentrum Moskaus 70 Meter hoch, ein Schiffssteuerrad in den Händen haltend, Zar Peter I. "Viele werden sich fragen: Was soll denn Peter I. in Moskau?" meint der Bildhauer und Schöpfer der Skulptur Zurab Tsereteli im Interview mit Barbara Barsch (IFA) und Kathrin Becker, Kuratorin der Ausstellung "Das neue Moskau", die in der IFA-Galerie in Berlin eröffnet wurde. Seine verschwommenen Kommentare versagen den Interviewerinnen eine eindeutige ideologische Interpretation des Monumentalwerkes. Man könnte annehmen, daß die Skulptur von Peter des Großen, nach dessen Wille Petersburg erbautworden war, den Kult der Städtebauer, vor allem des Moskauer Bürgermeisters und Schöpfer des "neuen Moskauer Stils" Jury Luschkow verkörpern soll.

Luschkows zahlreiche großangelegten Restaurierungs-, Sanierungs- sowie Erneuerungsprojekte umfassen religiöse Zentren, wie die Christus Erlöser-Kathedrale; Monumente - den Poklonnaja Hügel, Peter den Großen, Marschal Zukov; Kulturinstitutionen - das Bolschoj Theater, die Tretjakow Galerie; Handelszentren wie den Manegeplatz; Freizeitfazilitäten und Restaurants, z.B. die Restaurantkette Russkoe Bistro.

Bart Goldhoorn, Chefredakteur der Architekturzeitschrift Project Russia schreibt, die Grands Projets der Stadtverwaltung Moskau "sollten schlußendlich eine größere Anzahl von Besuchern (lies: Konsumenten) ins Stadtzentrum locken. Das Zentrum der Stadt ist auch das Schaufenster der Konsumgesellschaft und Impuls für ihre Entwicklung". Er bemerkt weiter, daß "der Geschmack der politischen Führer und die Art, wie sie die Planung überwachen, heute in Moskau zu einem neuen, der Disneyland-Architektur frappant ähnlichen Stil führen, dessen einziges Prinzip es ist, beim Massenbeschauer zu punkten. Die Suche nach dem von den Stadtvätern als ästhetisches Programm angekündigten nationalen russischen (Moskauer) Spezifikum findet im Kopieren der Methoden der gigantischen amerikanischen Vergnügungsindustrie ihr Auslangen. Als Folge dessen stellt Moskau den einzigen Ort dar, wo die Massenkultur in den Rang der offiziellen Staatspolitik erhoben wurde."

Lange Zeit gingen Gerüchte in Moskau um: das Denkmal Peter des Großen, dessen Züge Ähnlichkeiten mit Kolumbus aufweisen, sei ursprünglich gar nicht für Moskau bestimmt, sondern als Geschenk an Amerika gedacht gewesen. Amerika habe das Denkmal nicht angenomen, da man Kolumbus als nichteindeutig heroische Figur ansah, und so wurde die Statue nach entsprechender Umarbeitung in Moskau aufgestellt und stellt jetzt ein Schiff dar, das entweder aufbricht, Amerika zu entdecken, oder eben von dessen Entdeckung heimkehrt. Die Präsenz dieser Skulptur rief eine Welle von Protesten hervor, was man mit dem Unvermögen der Betrachter, in diesem riesigen und teuren Koloß irgendwelche Botschaften zu erkennen, erklären könnte.

In seinem bekannten Roman Generation P, der große Popularität in den breitesten Bevölkerungsschichten Rußlands genießt, beschreibt Viktor Pelewin die Geschehnisse im Land aus der Sicht eines im Reklamebusiness tätigen Russen. Der Chef der Agentur empfängt einen Werbetexter: "Zuerst versuchst du zu begreifen, was den Leuten gefällt und dann jubelst du es ihnen als Lüge unter. Die Leute aber wollen, daß man ihnen dasselbe als Wahrheit unterschiebt." Tsereteli folgt einem anderen Prinzip des Chefs der Reklameagentur "Wir bedüfen keiner Schöpfer, wir brauchen Creators", jedoch jene Authenzität kann er nicht imitieren, über die Kathrin Becker schreibt: "Es geht nicht um die `Reproduktion`authentischer Situationen, sondern um die Authenzität der Form, die zur Darstellung fiktiver Situationen verwendet wird, mit anderen Worten, um die Imitation von Authenzität" { "Kataloge", 2nd Ars Baltic Triennale for Photographic Art.}

Im Zusammenhang mit dieser mißlungenen "Imitation der Authenzität" nennt Pawel Pepperstein von der Moskauer Künstlergruppe Medizinische Hermeneutik in seinem Text zur Ausstellung "Das neue Moskau", in dem er die im Moskauer Zoo stehende Skulptur Tseretelis beschreibt, den Bildhauer einen gewissenlosen Provokateur: "÷sehen wir eine Unmenge von exotischen Tieren, die die russische Welt mit Füßen treten, eine amorphe Masse aus Affen, Krokodilen, Nashörnern, Pelikanen, Zebras usw. Das neue Rußlandbild ist das eines exotischen Landes - exotisch vor allem für sich selbst."

Ende der 90er Jahre, wo die russischen Künstler praktisch jede Verbindung zum westlichen Markt verloren und die Hoffnung auf die baldige Entstehung eines inländischen Marktes aufgegeben haben, versuchen sie als politische Berater am politischen und wirtschaftlichen Leben des Landes teilzunehmen, indem sie mit den Massenmedien oder in der Reklamebranche arbeiten. Diese Erfahrungen beeinflußten maßgeblich die Vorstellung der Künstler vom Funktionieren des Marktes, der Massenmedien, der Reklame, der öffentlichen und inneren Apparatpolitik.
Zum Objekt ihrer Reflexionen werden nicht so sehr kulturelle Unterschiede, sondern vielmehr die universellen Mechanismen der medialisierten Gesellschaft. In einer Analyse des totalen Informationsflußes erarbeiteten sie Strategien zur Immunwerdung gegen seine suggestive Wirkung.

Andrej Chlobystin, der einen neuen, mit einem fliegenpilzähnlichen Ornament versehenen Entwurf der russischen Flagge in der IFA-Galerie ausstellt, vergleicht die offizielle russische Trikolore mit Imitationen von teuren Waren durch kleine Firmen:
"Als nationales Symbol taugt sie eindeutig nicht." "Kaum jemand wird die Anordnung der drei Farben aus dem Gedächtnis heraus beschreiben können. Die Flagge ist unverständlich, zynisch und kraftlos."

Timur Nowikow arbeitet mit den medialen Konstrukten der Kunstgeschichte - der totalitären Kunst, Kunst des "nordischen Geistes", Sozrealismus, Moderne, Klassik.
Er dekonstruiert die einen und schafft mit einer Leichtigkeit neue. Indem Nowikow in persönlichen Gesprächen sowie auf Ausstellungen und mittels Massenmedien das öffentliche Bewußtsein "manipuliert", imitiert er die Authenzität der Repräsentation, wobei er sich sämtliche zugängliche Technologien der heutigen Suggestion zunutze macht. "÷gerade in diesem Moment wurde auch klar, daß Kunst nicht in der Manipulation (÷) besteht, nicht in der Ironie, sondern im Ernst, und nicht in vampiristischer Interaktivität und Kommunikation." (A. Chlobystin)

Die Photokollage-Serie "Russische Fragen" von Wladislaw Mamyschew-Monroe läßt den märchenhaften Raum der russischen Folklore wiedererstehen, in dem Lisa Beresowskaja, die Tochter des allmächtigen russischen Financiers als russische Zarentochter Model stand.

Die dem neuen Moskauer Stil immanenten Elemente der "nationalistischen Repräsentation" können unangenehme Assoziationen hervorrufen. Die bisweilen vorkommenden Schnitt- und Stichwaffen, oft in den Händen von agressiv aussehenden Personen, weisen im heutigen Kontext nicht auf die Möglichkeit ihrer unmittelbaren Anwendung hin, sondern stehen für das Angebot zu ihrem Kauf als Ware, wobei die Entfremdung der Gegenstände von ihrer eigentlichen Funktion zugunsten eines monetären und Ethno-Markenwertes a la "Made in Russia" stattfindet. Es würde wohl niemand auf die Idee kommen, Santa Klaus könnte mit seinem Sack den Kindern eins auf den Schädel geben. Oder doch?

"Das neue Moskau", bis 09.01.2000
IFA-Galerie Berlin, Neustädtische Kirchstrasse 15