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Interview mit der Künstlerin Liz Miller

Aus dem Englischen von Valie Göschl

 

Alexander Sokolov: Das Video, das du für die Ausstellung in Linz "Sozialmaschine Geld"gedreht hast, zeigt ein weibliches Subjekt durch einen Berg von Goldmünzen laufen.

Geht es dabei um die Repräsentation der Frau?

Liz Miller: Ich bin eine Frau und kann Kunst nicht aus der Perspektive eines Mannes machen. Geld ist Macht, und die Menschen setzen im allgemeinen ihre Sexualität ein, um Macht zugewinnen und andere Menschen zu verführen, damit sie das bekommen, was sie wollen. Die Idee des Geldes als Symbol der Dekadenz und Sünde fasziniert mich, wenn esneben die weibliche Form gestellt wird, das ist etwas, was mir täglich in den Medien begegnet.

A: Es geht also um die Interaktion zweier Manifestationen derVersuchung, Geld und Sexualität…..

L: Ja. Ich begann erst vor einem Jahr mit dem Video über verschiedene Extreme, Menschen, die alles für Geld tun würden,Gewalt anwenden und betrügen. Der erste Film der Videotrilogie war Goldfist, was soviel bedeutet wie Money will fuck you,and there ´s no escape. Goldfistist ein Milieufilm über die Brechreiz verursachende Gefräßigkeit des Materialismus unddarü ber, wie dieser sich über Macht, ehrliche Leidenschaften von Menschen, Familie, Freundschaft, Liebe, über alles hinwegsetzen kann. Ich war fasziniert von der Idee, daßMenschen ihre besten Freunde, ihre Frau oder ihren Mann fü r Geld verraten werden und so an Macht gewinnen.

Goldfist II ist dieFortsetzung des ersten Videos, weniger milieuhaft und sehr nüchtern erzählt, ähnlich einem Low-Budget Film oder einem B-Movie. Ich mag diese Ästhetik.

Für den dritten Film Goldglory verwendete ich eine glattere, stilisiertere Porno-Ästhetik. Er faßt zusammen, was in den ersten beiden Filmen passiert:man bekommt schließ lich, was man will, eine bestimmte Summe Geld, und ist trotz allem unzufrieden. Man braucht etwas anderes, man will mehr und mehr. Die Verführungdes Materialismus verliert jegliche Attraktivität und wird zur Qual. Eine Endlosschleife… es wird nie enden, du wirst immer mehr wollen.

Die anderen Arbeiten derAusstellung sind fünf Großaufnahmen von meinem Mund in Interaktion mit Gold … gestopft, gebunden und gegeißelt. Ich wollte einen Dialog über Schönheit, Schmerzund Absurdität führen.

A: Wie gehst du an das Thema Geld und Kunst heran?

L: Der Grund, warum ich zumThema Kunst umGeldzu arbeiten begann, war der, daß mich die Notwendigkeit, das Geld zum Überleben aufzutreiben, in ziemlichen Streß versetzte, und die Notwendigkeit,Geld auszugeben, um Kunst zu machen, ständig in meinen Gedanken präsent war. Ich wollte den Begriff Geld vermeiden, wollte nur das besitzen, was ich brauchte, dasMaterial fü r meine Kunst haben, aber gerade das ist nicht möglich. Meine Kunst handelt von diesem Kampf und seiner Absurdität, dieser Endlosschleife: ich arbeiteständig, um mehr Geld zu haben, um das zu tun, was ich will. Es ist verrü ckt, soviel Zeit dafür aufwenden zu müssen, nur um Geld zu verdienen, wenn es in einemspirituellen Sinn gar nicht die Bedeutung für mich hat. Nicht sehr befriedigend, aber unumgänglich.

A: Was könnte hinter dem monetären Wert von Kunst stehen?

L: Ich denke, daß der Kunstwert generell vom Kunstkontext abhä ngt. Kunst, die bei der documenta oder in bestimmten Museen ausgestellt wurde, steigt in ihremWert. Sie wird zum respektierten und fetischisierten Objekt. Dies ist sehr abstrakt. Kunst kann mich wirklich ansprechen. Sie kann im Atel ier von Leuten stehen, die nie ausstellen,die Kunst machen, weil sie es wollen. Solche Arbeiten sind oft sehr wertvoll für mich, sie haben in der Regel sehr viel Seele. Am Kunstmarkt können sie wertlos sein.

Fürmich hängt der Wert eines Kunstwerks von der Interaktion zwischen Konzept und Form und davon ab, wie es meine Wahrnehmung verändert, mir einen neuenBewußtseinssinn vermittelt und meinen Geist stimuliert. Etwas Nicht-faß bares, zum Beispiel ein Soundwerk oder eine Installation, die Berührung (touch) zum Thema haben,können sehr inspirierend sein. Eine sehr gute Arbeit kann mich inspirieren, eine Handelsware nicht. Sündteure Arbeiten von etablierten Künstlern k önnen mir gar nichtsbedeuten, sie kümmern mich nicht. Ich würde nie Frank Stella kaufen, seine Arbeiten lassen mich kalt.

A: Wie verbindest du deine Tätigkeit als Stripteasetänzerinund als Künstlerin?

L: Bevor ich diese Frage beantworte, muß ich dir einige Hintergrundinformationen geben. Ich hatte bereits einige Jahre als Künstlerin gearbeite t,bevor ich mit dem Strippen anfing. Ich brauchte Geld und wollte keine 40 Stunden in der Woche arbeiten, um mich selbst zu unterhalten. Vollzeitbeschäftigung erachtete ich als"Ausverkauf"an die Mainstream-Gesellschaft. Das Strippen schien eine interessante Alternative zu sein und ich sah nichts Unmoralisches darin.

DasStrippen ist ein harter Job, einige Frauen, die es wirklich ernst nehmen, machen genug Geld, um gemächlich in den Ruhestand treten zu können. Es ist wie alles auf der Welt, eshat seine scheuß liche Seite, wenn du faul bist, machst du kein Geld. Eine Nacht Tanzen kostet soviel Kraft wie ein Performancewerk, deshalb versuche ich nur einige Tage in derWoche zu arbeiten.

Ich würde es natürlich bevorzugen, als Fulltime-Künstlerin zu arbeiten, wenn ich mich einiger Maßen damit erhalten könnte. Leider interessiert esmich nicht, Kunst auf der Basis des Warenwerts zu machen… ich ziehe es vor, mich andersü ber Wasser zu halten und die Integrität meiner Arbeit zu bewahren.

OK, nunzu deiner Frage:

Striptease hat viel mit Performance und auf Zeit basierender Kunst im allgemeinen zu tun. EinE Kü nstlerIn kreiert eine visuelle Sprache und einen Zeitsinn,um den Betrachter festzuhalten, mit seinen oder ihren Ideen zu kommunizieren und eine intellektuelle und emotionelle Reaktion zu erwirken.

Als Stripteasetänzerin verwendeich ebenfalls Bewegung, Ausdruck und Timing, um eine visuelle Sprache zu schaffen, also eine ähnliche Reaktion zu provozieren, das erwünschte Ergebnis ist jedoch Geld, unddas in hoffentlich reichem Maße.

Als Stripperin begebe ich mich in eine ähnliche Position wie als KünstlerIn in der Kunstwelt. Ich muß stark und konzentriert sein,muß mit einem enormen Maß an Ablehnung fertig werden. (Anders als in Europa nehmen Künstler in Amerika ei nen mit Drogendealern oder anderem kriminellen Abschaumder Menschheit vergleichbaren Status ein.) Der Hauptunterschied liegt im Kontext. Ein weiterer Unterschied besteht darin, daß ich als Kü nstlerin nicht verhungern werde, wenndas Publikum nicht auf meine Ideen reagiert, deshalb kann ich auch mehr riskieren.

Ich könnte ein ganzes Buch zu diesem Thema schreiben, so komplex ist es.

Ich hoffejedoch, daß ich deine Fragen auf verständliche Weise beantwortet habe.