Violeta Jasevitschjute (Kuratorin) über die allgemeine Situation der zeitgenössischen Kunst in Kaunas, Litauen

 

 

Die tiefgreifenden Umwälzungen in der litauischen, wie der gesamtosteuropäischen Kunst stehen in engem Zusammenhang mit dem Zerfall des Sowjetreiches. Die zahlreichen Umbrüche in der Verwaltungsstruktur, der Wirtschaft und der Kulturpolitik gepaart mit dem Schwindelgefühl der Freiheit schafften kein geringes Chaos und konfrontierten viele mit ihrem Unvermögen, sich an die neue Situation des Marktes anzupaßen. Die Künstler, die sich rasch zu orientieren wußten, nutzten die Chance der geöffneten Grenze und erinnerten sich, daß auch sie zu den Europäern zählen, und sie machten sich in Richtung Westen auf. Auch im Westen entflammte das Interesse und man suchte den Kontakt mit Litauen.

Ungeachtet aller Veränderungen existiert in Litauen seit jeher das Phänomen der Russophobie. Die Künstler gaben dem Westen den Vorzug und verloren den Kontakt zu den ex-kommunistischen Republiken Rußland, Ukraine, Armenien, Georgien u.a. Eine Wiederaufnahme der Beziehungen wird bereits von der stereotypen Gedankenwelt und vielen anderen subjektiven wie objektiven Faktoren verhindert. Es besteht eine Verbindung zum Moskauer Sorosfonds, doch gleicht dieser eher der Initiative einiger weniger engagierter Leute. Auf Einladung des Sorosfonds konnten 1998 Künstler aus Kaunas am Internationalen Forum der zeitgenössischen Kunst Kontrollstation der Sinne" mit der Austellung für Blinde auf der Suche nach dem sechsten Sinn" teilnehmen. Dies stellte das erste offizielle Projekt in den vergangenen zehn Jahren dar, im Rahmen dessen Künstler nach Moskau fuhren.

 

Die heutige Kultursituation in Kaunas durchlebt schwere Zeiten. Die intellektuellen Ressourcen sind größtenteils in die Hauptstadt Vilnius abgewandert. An dieser Tatsache ändern auch die Nostalgie, mit dener ambitionierte Bewohner stolz der Jahre 1920-1939 gedenken, als Kaunas interimistisch die Hauptstadt Litauens stellte und eine Bastion der Freiheit und kulturelles Zentrum bildete. Spricht man über das zeitgenössische Kunstgeschehen in Kaunas, dürfen diese objektiv existierenden Umstände nicht außer Acht gelassen werden und muß die Bedeutung solcher über die Region hinaustretender Kunstereignisse - wennzwar sie nicht allzu oft eintreten - hervorgehoben werden.

 

Initiativen und Programme gehen in erster Linie von den kulturellen Pflanzstätten Kaunas, dem Tschjurlenis-Nationalmuseum, dem Künstlerverband sowie privaten Galerien aus. Da es in Kaunas kein strategisch wichtiges Zentrum für zeitgenössische Kunst wie in Vilnius gibt, versucht das Museum diese Funktion zu kompensieren. Es verfügt über die einzigen großen Galerien die Gemäldegalerie und die Schilinskas-Galerie, in denen neben den ständigen Ausstellungen zeitgenössichen Künstlern Säle zur Verfügung gestellt werden. Der kulturelle Kontext in Kaunas spiegelt sich im wesentlichen in der repräsentativen offiziellen Kunst wider, die dem bestehenden politischen System entspricht und die Moderne und den traditionellen Kunstbegriff repräsentiert. Anfang der 90er Jahre erweckte die Kunstsituation in Kaunas die Assoziation des abgefahrenen Zugs der Postmoderne, auf den es nicht viele schafften aufzuspringen. Das Gros derer, die den Sprung machten, gehört der 1990 gegründeten Gruppe Post¥ars an: Robertas Antinis, Tscheslovas Lukjanskas, Aleksas Andrjuschkjawitschjus und Gintaras Sinkjawitschjus. Sie haben sich die letzten zehn Jahre erfolgreich gehalten und sich nicht nur in Litauen, sondern auch im Ausland in der zeitgenössischen Kunstszene etabliert. Bei der Biennale Niederlansits" 1993 wurde die Gruppe für ihre Kunst mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Die shocking art der Gruppe Post¥art der Jahre 1993-1995 beeinflußte maßgeblich die Kunst der jungen Generation: u.a das im Ascholinas-Park realisierte Ökoobjekt Die Toten reichen den Lebenden die Hand", 1997; Aktion Fluß", 1998; sowie eine Reihe von mir (Violeta Jasevitschjute) organisierter Projekte Dunkelzone", 7 Tage Liebe der Postmoderne ", das Symposium Plastische Introjektion". Die Reaktionen waren höchst unterschiedlich: die Jugend zeigte sich interessiert, jedoch gab es auch viele negative Reaktionen.

 

Das Hauptproblem ist das Fehlen professioneller Kuratoren und Kunsttheoretiker, die Problemanalysen anstellen. Viele Kunstgeschichte-Abgänger fallen in die Kategorie Kunsthistoriker, die sich mit der Kunst aus den vorigen Jahrhunderten befassen.

Nicht weniger problematisch erweist sich die ökonomische Situation, zudem stellt der Sorosfonds, die Hauptfinanzquelle für jegliche Kunstprojekte heuer seine Tätigkeit ein. Die Kulturministerien und Lokalverwaltungen, ein Teil deren Budget vormals in Kunstprojekte floß, versprechen aufgrund der Wirtschaftskrise in diesem Jahr keine Hilfe, und kommerzielle Unternehmen sind eher an Massenkonzerten und Festivals interessiert. Das Jahr 2000 wird eine Art Jahr der Prüfungen für die zeitgenössische Kunst. Hoffnung, die Position der zeitgenössichen Kunst in Kaunas zu stärken, gibt das vom Tschjrlenis-Nationalmuseum gegründete Informationszentrum der zeitgenössischen Kunst.

Deutsch Valie G