Interview mit Vollrad Kutscher

 

 

A: Welche Rolle als Künstler spielen Sie?

V: Ich glaube, daß viele Künstler nichts zu sagen haben. Man kümmert sich vielmehr darum, was andere gesagt haben und wie sie dies getan haben. Diese Struktur nutzt man, ohne jedoch selbst Inhalte zu transportieren. Das basiert auf Begriffen, Symbolen und Bildern, wobei aber nichts über Kunst im Verhältnis zur Gesellschaft, und zwar der kapitalistischen Gesellschaft, ausgesagt wird. Dies ist die Möglichkeit und eigentliche Aufgabe des Künstlers. Ich kann die Kunst nicht ganz ernst nehmen, d.h. ich glaube nicht an die Kunst.

A: Gibt es Künstler, die dennoch mit seiner Kunst Inhalte vermitteln?

V: Das Projekt von Reinthaler gefällt mir in diesem Kontext, er nimmt das Geld aus dem normalen Tauschhandel, entwertet es und verleiht ihm, indem er die Münzen umprägt, einen neuen Wert, einen Kunstwert. Es ist ein Gesellschaftsspiel, das an die Schäferspiele vor der Französischen Revolution erinnert: die Adeligen stellten sich in die Natur und spielten Schäfer. Sie spielten Arbeiter, weil sie nichts zu tun hatten. Ähnlich spielt die heutige Gesellschaft. Reinthaler baut ein Spiel auf, indem die Leute die Freiheit vom Kapitalismus spielen können.

A: Was ist Ihre Definition von Kunst?

V: Kunst behauptet gegenüber der sie umgebenden Normalwelt, etwas anderes als das Normale wahrzunehmen. Der Künstler spielt seine Künstlerrolle. Er hat seine Privilegien und wird deshalb ernstgenommen. Er übernimmt die Rolle des weisen Hofnarren, der auf humorvolle und witzige Weise, Wahrheiten vermittelt. Vermag seine Kunst, die Menschen einen Moment lang von ihrer normalen Umgebung zu distanzieren, ist es gute Kunst. Der Künstler kann eine andere Welt als Hoffnung, nicht als etwas Reales aufleuchten lassen.

Der Wissenschaftler lebt in der Welt der Wissenschaft, einer Welt der Zahlen, Daten, eines logischen Systems, das er mittels seiner Fachsprache durch Ausschluß der restlichen Welt konstruiert. Dennoch ist die außerhalb der "Normalwelt" stehende Position des Wissenschaftlers wie die des Künstlers untrennbar mit Geld verbunden.

A: Den unabhängigen Wissenschaftler oder Künstler gibt es also nicht?

V: Der Wissenschaftler muß mit anderen kooperieren, um seine Forschung betreiben zu können, er ist also auch Unternehmer. Auch der Künstler muß sich mit anderen arangieren, hat jedoch über dem System zu stehen, d.h. er muß als im System stehender eine geistige Außenposition bewahren, darf sich nicht an diese Gesellschaft anpassen.

In der Wissenschaft wie der Kunst gibt es eine Grundlagen- und eine angewandte Forschung. Die großen Konzerne betreiben und bezahlen beides. Firmen, wie Microsoft, bezahlen nur Leute, die mit ihrer Arbeitskraft auch ihre Ideen verkaufen und auf jegliches Anrecht auf Patente verzichten. Dies ist bei Künstlern anders. Der Künstler schafft etwas Merkantiles, etwas Verkaufbares, eine Malerei oder Grafik, die dann in ein Wohnzimmer oder eine Sammlung gelangt. Der Künstler betreibt ebenfalls Grundlagenforschung, indem er z.B. Performances macht, die nur einen Moment lang existieren. Der Künstler versucht grundlegende Begriffe zu klären, Formulierungen oder Ausdrucksformen zu finden für Phänomene, die stattfinden.

A: Wie sind Sie auf die Idee gekommen die G.V.E.I.P., Ihre Gesellschaft zur Verwertung und Erhaltung der Idee des Pfennigs zu gründen?

V: Die Idee, diese Gesellschaft zu gründen, ist in einer Frankfurter Apfelweinkneipe aus dem Gedanken entstanden, daß sich ein Künstler, der in einer Stadt lebt, in der sich derartige Geldmassen im Umlauf befinden, damit auseinandersetzen muß. Ein Künstler muß der Gesellschaft etwas über sie selbst sagen. Dabei gilt es, die richtige Formulierung dafür zu finden. Kunst, Bilder sind aufgrund des Kunstmarktes nichts anderes als Aktien, die im Wert steigen und fallen. Auch für sie gibt es eine Börse, den Kunsthandel. Das digitale Geldsystem mit 1 und 0, hundert und tausend, dieses dezimale Wertsystem funktioniert weltweit. Der Pfennig bildet darin die kleinste Einheit. Die Herstellungskosten eines Ein-Pfennig-Stücks sind jedoch höher als der Nominalwert, insgesamt kostet ein Pfennig das Zweieinhalbfache. Das Prinzip muß jedoch erhalten bleiben, denn bereits diese kleinste Einheit hat konkrete ökonomische Auswirkungen für die Finanzwelt, wenn der Dollarkurs an der Börse um einen einen Pfennig fällt oder steigt.

Zur Verwertung und zur Erhaltung der Idee des Pfennigs zeichnete ich Geldscheine mit dem Nennwert "ein Pfennig, auf einen Zettel geschriebene Obligationen und gab sie den Leuten in der Kneipe. Ich druckte auch Aktien, wobei jede Graphik für fünf Mark verkauft wurde. Auf der Vorderseite stand ªWertpapier´, auf der Rückseite ªPapierwert´, um die zwei Seiten der Medaille zu verdeutlichen. Der Nennwert dieser Aktien liegt derzeit bei sieben Pfennigen.

A: Ist die G.V.E.I.P. eine eingetragene Gesellschaft?

V: Nein, das ist reine Kunst. Beim Roulettespiel nahm ich als Bank so viele Pfennige ein, daß ich beschloß Kapital plus Dividende auszuschütten. Ich ging also in die Frankfurter Börse, vor der Leute mit Pistolen standen, die nur befugten Personen mit entsprechendem Ausweis Zutritt gewährten. Ich hatte mir selbst einen Ausweis gemalt, lief mit meiner Dividende in der Jacke durch und schüttete sie aus. Auf der Anzeigentafel erschien: Dividende, Ausschüttung der Gesellschaft zur Verwertung und Erhaltung des Pfennigs. In einem Brief an den Vorstand bat ich um Rechenschaftsablegung über meine Dividende, da meine Aktionäre Anspruch auf diese Information hätten. Damals war die RAF gerade in den Schlagzeilen und man zitterte vor potentiellen Bombenattentaten. Ich hatte keine Bombe, mit der ich den Betrieb in die Luft jagen konnte, tat dies letztlich dennoch mit meiner Dividendenausschüttung. Es war der Versuch, in innere, funktionierende Systeme einzudringen. In dieser Form spielte ich öfters mit dem System. Die Gesellschaft braucht die Wirtschaft. Ich wollte diese weder lahmlegen, noch wie die RAF sprengen, sondern auf witzige Weise erreichen, daß das System einen Moment lang in Frage gestellt wird.

Humor ist ein gutes Mittel zur Distanz.