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Gespräch mit Hans Knoll (Galerist Wien)


AS: Ich betrachte die Kunstmesse Art-Moskau nicht als direkt kommerzielle Angelegenheit, da in Moskau kein entwickelter Kunstmarkt existiert. Ich kann mir aber vorstellen, daß Sie und andere Galeristen nach Moskau fahren, um Kontakte für die Zukunft zu schließen. Die Gründe, warum Sie zur Messe in Moskau fahren, sind dieselben, weshalb Sie nach Köln fahren würden?

HK: Ich gehe nicht mit den gleichen Ideen nach Köln. Ich habe nur eine konkrete Vorstellung von Kunstmesse. Ich definiere Kunstmesse als Veranstaltung, bei der grundsätzlich Kunst verkauft oder zumindest ein Publikum erreicht und herangezogen bzw. erzogen wird. Das ist das Wesen aller Kunstmessen. Der Aspekt, Kunst in private Wohnungen zu bringen, darf nicht aus den Augen verloren werden. Die Leute, die die Messe besuchen, sind aufgefordert, Kunst zu kaufen, und zwar durch eine gewisse Professionalität der Präsentation, der Kunstwerke, der Messe. Viele osteuropäische Messen sind zu überfrachtet mit Nebenevents, dabei besteht die Gefahr, daß die eigentliche Idee der Messe in den Hintergrund tritt. Dann fragt sich jeder Galerist, auch ein Moskauer, wozu er dort hingeht, zumal der Gang auf die Messe ausländischen Galeristen schätzungsweise 6.000 Dollar kostet. Es muß zumindest die Perspektive und das Ziel geben, Kunst zu verkaufen.

AS: Andere Messen wie Köln haben bereits Tradition. Man weiß, wie eine Messe abzulaufen hat, was einen erwartet. In Rußland muß das Publikum erst erzogen werden, und das erreicht man nicht allein durch coole Verkaufsstände der Galerien, sondern durch Eventsstrukturen, durch Informationsmanagement, durch die Massenmedien.

HK: Das stellt keinen Unterschied zur Messe in Köln dar. Auch dort gehen die Leute aufgrund der Events, der Attraktivität der Veranstaltung hin. Sie behaupten, man müsse das Publikum erziehen. Wie aber erziehen Sie ein Publikum dazu, gut zu kaufen, wenn Sie dort nur Dokumentationen zeigen, diverse Diskussionen, Performances, etc. veranstalten.Damit erziehen Sie das Publikum nur, Kunst zu konsumieren, Kunst zu beschauen.

AS: Bei meiner Ausstellung in Oslo wurde mir erklärte, ich dürfte nicht erwarten, in Norwegen etwas zu verkaufen. Denn norwegische Sammler kaufen vorwiegend norwegische Künstler, andernfalls würde niemand mehr norwegische Kunst sammeln. Das zeigt, daß hinter dem globalen Markt, so etwas wie ein nationaler Kunstmarkt besteht. So wurde in 70er Jahren deutsche Kunst, u.a. Baselitz, nach Amerika gebracht, und man konnte keinen Unterschied zwischen deutschen Künstlern und z.B. de Kooning erkennen. Man erkannte allerdings, daß deutsches Geld hinter diesen Bildern steht. Ich behaupte, daß hinter den lokalen, d.h. auch den russischen Künstlern lokales Geld stehen muß. Das ist einer der Gründe, weshalb ich das Thema global/local für die Art-Moskau vorgeschlagen habe.

HK: Ich lud 1989 Josef Kosuth, der in den 70er Jahren die Konzeptkunst in Ost-Mitteleuropa sehr beeinfußte, ein und wir machten einen Druck, eine Auflage, für die wir für 1000 in der Währung des Käufers verlangten. Die Käufer waren Ungarn, Slowaken und Polen, aber auch Italiener und Österreicher kamen und man kaufte für 1000 Schilling, 1000 Zsloty, 1000 Forint, 1000 Kronen usw. Sie sagen, es muß Geld hinter der Kunst stehen. Ich behaupte, die Kunst muß im Verhältnis zur ökonomischen Realität des jeweiligen Umfeldes stehen. Kunst muß insofern im Verhältnis mit seinem Umfeld stehen, daß der Künstler mit einem Preisniveau ansetzen muß, das seinem aktuellen Umfeld, in dem er sichgerade entwickelt, entspricht und die Arbeiten dort kaufbar sind. Für einen in N.Y. lebenden russischer Künstler gilt das dortige Umfeld. Baselitz konnte man am Anfang für ein paar hundert Mark kaufen. Die Zeichnungen der ungarischen Künstlerin Rosa Lasan kosteten anfangs 100 DM in Ungarn wie in Österreich und sogar auf der Messe in Köln. Sie ist mittlerweile eine der wenigen ost-mitteleuropäischen Künstlerinnen, die es geschafft haben, im sogenannten westlichen Betrieb Fuß zu fassen. Moskauer Künstler sollten sich nicht an N.Y., Berlin oder Wien orientieren, sondern ihr Preisniveau an Moskau anpassen. Dann würde der Kunstmarkt besser funktionieren.

AS: Welche Erwartungen haben Sie an Art-Moskau?

HK: Natürlich hoffe ich, daß ich etwas mit der Galerie verkaufe, wenn nicht dieses Jahr, so vielleicht in fünf oder in 50 Jahren, möglicherweise an einem anderem Ort. Ich glaube, daß viele Projekte, die man als Künstler oder als Galerie macht, nicht nur linear oder lokal, sondern auch überregional wirken. Eine Ausstellung hier zeigt in zwei Jahren Wirkung an einem anderen Ort. Insofern sehe ich die Arbeit meiner Galerie als Gesamtengagement.

AS: Welche Künstler werden Sie ausstellen?

HK: Internationale Künstler. Bei meiner Ausstellung von Breners Zeichnungen bei der Art-Moskau vor zwei Jahren — die Arbeiten enthielten russische Schimpfwörter, sexistische und erotische Anspielungen - kam es tatsächlich zu einem Skandal. (Brener war übrigens neben Tony Crag ausgestellt.) Zahlreiche Menschen, Russen, traten an mich heran und beschwerten sich, dies sei keine Kunst. Das ist auch, was Brener unter anderem anstrebt. Man reagiert auf sein Werk. In diesem Fall wird ein sogenanntes östliches Werk nach Moskau zurückgebracht und das löst eine Reaktion aus.

AS: Haben Sie ähnliche Pläne für dieses Jahr?

HK: Wir organisieren im Rahmen unserer Galerie auch guided tours und Kunstreisen und schlagen dieses mal die Art-Moskau vor. Dies haben wir bereits vor zwei Jahren getan, wo zahlreiche Sammler, Kuratoren, Kritiker, Kunsthistoriker nicht nur aus Österreich, auch aus Ungarn, Deutschland (in Zusammenarbeit mit Paula Böttcher, Galerie Berlin) ihr Interesse bekundeten, sodaß ich gezwungen gewesen wäre, die Gruppe zu teilen. Leider kam es nicht dazu. Ich werde demnächst das Programm für die diesjährige Messe ausschreiben und rechne mit entsprechend vielen Anmeldungen. Die Reise umfaßt den Besuch Moskauer Museen, Institutionen und Galerien, soll aber auch Treffen von Akteuren der Moskauer Kunstszene, Kuratoren, Kritikern, Galeristen, Künstlern dienen, möglicherweise in Zusammenarbeit mit Art-Moskau. Es handelt sich um Leute, die durchaus immer wieder etwas kaufen. Das ist natürlich keine Garantie dafür, daß sie in Moskau großartig einkaufen werden, aber man kann nie wissen.

Ich wünsche mir, das vieles passiert. Jedoch darf nicht aus den Augen verloren werden, daß eine Messe Anreize setzen und ein Modell aufstellen soll, Kunst zu verkaufen.