Interview mit Kathrin Becker
Kuratorin des 2. Ars Baltica Triennial of Photographic Art


Alexander Sokolov: Auf dem 2. Ars Baltica Triennial of Photographic Art, das zum zweiten Mal in Kiel stattfindet, sind zehn Länder (Schweden, Dänemark, Finnland, Norwegen, Deutschland, Polen, Rußland, Estland, Litauen und Lettland) vertreten. Was bedeutet dieser topographische Rahmen für Sie als Ausstellungskuratorin?

Kathrin Becker: Die Ausstellung umfaßt bestimmte Länder, aber auch ein spezifisches Medium. Unterdem Blickwinkel dieser Konstellation habe ich versucht, das Baltikum unter dem Begriff "pars pro toto" zu betrachten. Diese lateinische Bezeichnung besagt, daß ein spezieller Teil repräsentativ für das Ganze stehen kann. Was hier passiert, kann als Beispiel für globalere Tendenzen und Entwicklungen gesehen werden.

AS: Du hast es mit einem winzigen Teil der Welt, in der es viele verschiedene Länder mit einer sehr unterschiedlicher Geschichte gibt, zu tun.

KB: Das stimmt. Jedoch mit dem Sterben der Sowjetunion und des gesamten Ostblocks verschwinden die ideologischen Unterschiede. Das Phänomen der parallelen Existenz einer Underground- und einer offiziellen Kultur, wie es in den achziger Jahren überall, nicht nur in der Sowjetunion vorherrschte, hat sich in den neunziger Jahren in einen allumfassenden Marktfaktor verwandelt. Die Profile werden auch in einem politischen Prozeß weicher.

AS: Wie manifestieren sich diese Veränderungen in der Ausstellung?

KB: Mich interessierten Bilder und Ideen, die durch die Massenmedien und neuen Technologien über den ganzen Erdball hinweg vermittelt werden. Dies kann man nicht nur in Portugal beobachten, sondern auch in Moskau und Litauen.

AS: Was bedeutet das für uns?

KB: Dies war auch meine grundsätzliche Frage, als ich die Arbeit für die Ausstellung begann. Zeugt die Präsenz einer universellen - und universal verständlichen - visuellen Sprache in weltweiten Werbekampagnen, z.B. von MTV, Benetton, Calvin Klein u.a. von einer progressiven Demokratisierung der Welt, oder aber steht sie für eine Entwicklung, in der die Monotonie in der Welt zunimmt, wo sich allesähnlich ist?

AS: Welche Auswirkungen hat die Internationalisierung der Sprache auf die Kunst?

KB: Ein wesentlicher Faktor ist, denke ich, daß wir von einer neuen Künstlergeneration, die unter diesen Bedingungen großgeworden ist, sprechen können. Die Auswahl der Künstler, die mir als Kuratorin oblag, brachte einige neue Themen in Verbindung damit mit sich, so zum Beispiel die Repräsentation des Weiblichen und Männlichen oder die mediale Konstruktionen von Natur und Raum.
Die Photos von Heli Recula zeigen Porno-Queens: hierbei handelt es sich mehr oder weniger um Dokumentarphotographie, die festhält, wie frau in einem kulturellen Kontext repräsentiert wird. Recula verwendet dabei gängige Ästhetik, wie sie in Zeitschriften vorherrscht, jedoch nur an der Oberfläche. Die Arbeiten von Annika von Hausswolff behandeln dasselbe Thema. Ich finde es interessant, diese beiden völlig verschiedenen Künstler in der Ausstellung zu zeigen. Die Bandbreite der weiblichen Darstellungen stellt die “von Stimmen geleitete” Frau (Annika von Hausswolff) nicht als selbstzufriedenes und selbstbestimmtes Wesen, sondern als Objekt dar. Der Mann hingegen wird in der Ausstellung um vieles attraktiver als die Frau dargestellt, zum Beispiel in den Arbeiten von Miron Schmückle oder in“The man pissing on the chair” von Wolfgang Tillman.

AS: Die Repräsentationen des Männlichen und Weiblichen bei dieser Künstlergeneration scheinen mit der Identitätssuche im Kontext der neuen technischen Errungenschaften zu tun zu haben.

KB: Die postulierten Mottos "We are one family!", "United Colors of Benetton" sind Medienkonstrukte mit der Logik einer nichtidentifizierbaren Identität und zielen darauf ab, möglichst viele Menschen einzubeziehen.
Der Künstler Mark Raidpere aus Estland nähert sich der Problematik der verschwindenden Identität an, indem er seine Gesichtszüge mit denen anderer - einmal von Männern, dann von Frauen - kombiniert, was er durch das Übereinanderprojizieren von zwei Diabildern erreicht. Die Idee dahinter scheint zu besagen: meine Identität befindet sich in einem ständigen Wandel, meine Identität verschiebt sich.
Vineke Tandberg nützt die Möglichkeiten der Digitaltechnik, um ihr Gesicht mit denen anderer zu vereinen, zum Beispiel dem Gesicht des Berliner Galleristen Martin Klosterfeld, und erzeugt so halluzinative, um ein leeres Zentrum kreisende Bilder.

AS: Diese Generation scheint irgendwo zwischen Realität und Fiktion zu oszilieren.

KB: Wichtig für mich war, daß alles irgendwie mit Simulation zu tun hatte. Thomas Demand fertigte Pappe-Modelle von Büros oder Archiven im Maßstab 1:1 an und photographierte sie dann. Dies ist dann gleichzeitig “straight photography” und Simulation.
Wolfgang Tillmans Photos wirken wie eine Reportage aus der Club- und Jugendkulturszene, jedoch anders als Nan Goldmans Arbeiten aus den Achzigern, sind sie Simulationen.
Ich habe in meinem Essay für den Katalog folgendes geschrieben: “…es geht nicht um die `Reproduktion` authentischer Situationen, sondern um die
Authentizität der Form, die zur Darstellung fiktiver Situationen verwendet wird, mit anderen Worten um die Imitation von Authentizität."

AS: Öfters wird die Meinung laut, daß KuratorInnen heutzutage nach einem ähnlichen Muster vorgehen: man nehme einige international anerkannte Stars und vermische sie mit ein paar jüngeren, weniger bekannten Künstlern.
Wie kommentierst Du solche Behauptungen?

KB: Ein Kurator hat bei jedem representativen Projekt, Ausstellungen wie documenta oder Manifesta nicht ausgenommen, die Erwartungen derer, die sie in Auftrag geben, zu erfüllen. Ein weiterer Aspekt ist das Finanzielle. Ein Kurator muß einen Weg finden, den PR-Erfolg für das Projekt zu gewährleisten. Es stimmt, daß Kuratoren oft dieses Konzept anwenden: sie nehmen ein paar Stars und so weiter. Zu meiner Ausstellung lud ich auch mehrere bekannte Künstler ein, dies ermöglichte es, genügend private und offizielle Sponsorgelder für die Projektrealisierung zu finden.
Ohne diese Künstler wäre es ungleich schwieriger gewesen. Manchmal hatten die Sponsoren Werke dieser Künstler in ihren Sammlungen. Sie glauben, daß die Künstler gut sind, und unterstützen das Projekt, weil sie hoffen, damit einige Positionen, mit denen sie sich identifizieren, zu transportieren.
Ein Kurator muß Überraschungen bieten können, muß jedoch gleichzeitig Erwartungen einbeziehen und die Künstler entsprechend auswählen.
Viele Faktoren werden nicht durch den Kurator individuell bestimmt, sondern sind durch seine Umgebung festgelegt, ungeachtet dessen gibt es genug Raum, in dem man frei operieren kann.

Alexander Sokolov

Deutsch von Valie G.