Interview mit der Galeristin Paula Böttcher (Berlin, Mitte)

 

FUSION: Siehst du deine Aufgabe als Galeristin darin, Kunst zu verkaufen?

PB: Das ist nicht meine einzige Aufgabe!

F: Sondern? Worin bestehen deine anderen Aufgaben?

PB: Im Vermitteln!

F: Vermitteln, ist das nicht eine andere Bezeichnung für verkaufen?

PB: Das bedeutet nicht unbedingt verkaufen. Es geht darum, Botschaften der Kunst den Menschen weiterzugeben. Natürlich ist es interessant und ein absolutes Erfolgserlebnis, Kunst verkaufen zu können. Jedoch lenkt es von den eigentlichen Dingen ab. Der Druck verkaufen zu müssen, damit man als Künstler oder Galerie überleben kann, nimmt Energien weg, die man anderswo besser einsetzen könnte. Ich hätte gerne für 2 Tage in der Woche einen anderen Job, um meine Galerie und meine Künstler finanzieren zu können.

F: Wärst du lieber eine Kuratorin in einer Kunsthalle?

PB: Das ist eine andere Sache. Ich gehe einen anderen Weg, ich will auch junge Künstler wählen und einen längeren Weg mit ihnen gehen als nur für eine Ausstellung.

F: Heißt das, eine neue Generation von Künstlern, aber auch Sammlern zu erziehen?

PB: Das hat auch einen komischen Beigeschmack! Zum Beispiel habe ich am Samstag einen jungen Kollegen aus New York kennengelernt, der mit ganz unbekannten und jungen Künstlern arbeitet und eine neue Generation von Sammlern heranzieht, die allerdings - und das ist der große Nachteil daran -, gar nicht mehr über künstlerische Inhalte nachdenken und sich damit auseinandersetzen wollen. Es geht nur mehr um reine Ästhetik in Richtung ªsterile Malerei" und "inszenierte Photographie". Sie kaufen ihm die Sachen en masse ab, um ihre Häuser in Hollywood damit zu bestücken. Das ist die neue Sammlergeneration! Eine Form davon. Und die weist auch die Kunstqualität in eine Richtung, wo ich sie nicht haben will.

F: Kann du irgendwie zusammenfassen, womit sich die jüngste Kunst momentan beschäftigt? Also Bezug darauf nehmen, was du jetzt erzählt hast?

PB: Ich denke, das kann man nicht zusammenfassen, weil es sich in vielleicht 50 Jahren herauskristallisieren wird, wer und was bestehen bleibt. Ich glaube, heutzutage ringt jeder Künstler nach wie vor darum, dieselben Prinzipien und Inhalte zu bearbeiten, die vor 50 oder 100 Jahren aktuell waren. Die Form oder das Medium mögen sich geändert haben, aber darauf kommt es nicht an. Die Qual ist dieselbe, der Weg genauso lang. Alles andere, was abseits passiert, wird rasch dem Vergessen anheim fallen.

F: Und die Künstler, die du in deiner Galerie ausstellst? Haben sie ähnliche Vorstellungen?

PB: Die ähneln sich sehr selten. Jeder hat seinen eigenen Charakter. Aber eines ist ihnen irgendwie gemein Sie kämpfen. Keinem von ihnen ist ein leichter Erfolg beschert.

F: Wogegen oder wofür kämpfen sie?

PB: Manchmal gegen den Markt, manchmal mit dem Markt. Unter dem Strich immer darum, eine eigene Konzeption unabhängig von irgendwelchen Markttendenzen durchzusetzen.

F: Kannst du ein paar Beispiele nennen?

PB: Zum Beispiel Nicolaj Angelov, er hat in Bulgarien gewohnt und lebt nun seit 10 Jahren in Deutschland. Er hat früher gemalt und macht jetzt raumübergreifende Installationen. Er hatte in Leipzig eine Ausstellung, bei der er im Ausstellungsraum einen zweiten Raum aus Abfallholz und Sperrholzplatten errichtete und einen Automechaniker engagierte, der für eine Woche in diesem Kasten arbeitete. Das ist Nicolajs Kampf: den Alltag, das Leben per se in die Kunst zurückzubringen. Diesen Pfad hat die Kunst jedoch schon lange abgeschnitten. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Aber Nikolaj läßt nicht locker. Sein Weg ist immer auch verbunden mit der Frage nach dem Sinn: Woher kommt er? Was machen wir da eigentlich!?

F: Kannst du noch jemanden aus dieser Palette erwähnen?

PB: Carsten Sievers. Er hat gerade eine Ausstellung bei mir. Carsten studierte eigentlich Architektur und befasst sich seit Jahren mit der Form und Bedeutung von Sprache und der Verbindung von Sprache und Architektur. Er hat für diese Ausstellung Monate im Atelier gestanden, eine Graupappe an die andere geklebt, Brettchen aus Holz und aus Messing geschnitten, Messing gebohrt, Messing geschliffen. Sich Monate hinzustellen, um eine Idee zu verwirklichen, die dann vielleicht nur 1 % oder 0,01 % lesen und verstehen oder sich überhaupt darauf einlassen, das braucht eine gesunde Portion an Konzentration und Selbstbeherrschung, vor allem aber muß der Glaube daran da sein, und den haben diese Leute.

F: Kannst du ein paar Worte zu der Ausstellung im Austrotel Wien sagen, bei der für ein paar Tage Hotelappartements in Galeriestände umgewandelt wurden? Welche Grundidee steht dahinter?

PB: Ich glaube, die Idee wurde in New York geboren und bestand anfangs vielleicht darin, den toten Messehallen und Kunstmessen etwas entgegenzusetzen und Kunst oder Kunstpräsentationen in einen neuen Kontext zu stellen, und zwar dort, wo Kunst schließlich endet: in den besten oder schlimmsten Fällen im Wohnzimmer.

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"galeriestand kunstmesse im austrotel wien"
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F: Das hat auch etwas mit Medien zu tun, in deinem Schlafzimmer ist kaum eine Videoinstallation möglich. Es geht also um Malerei, Photographie oder etwas ähnlich ªWohnungsgemässes".

PB: Hier gelangt man auch wirklich an die Grenzen, die ein Hotelzimmer bietet. An diesem Punkt wird es natürlich fragwürdig. Es war am Anfang eine Herausforderung für mich, ein Hotelzimmer zu bespielen. Ich arbeite sonst immer mit sehr klaren, weissen Räumen, da ich behaupte: ªDer Raum, der Kunst birgt oder umgibt, soll so schlicht wie möglich sein´. Er muss die Kunst zum Tragen bringen, sich zurückhalten, damit das andere scheinen kann. In einem derart dominanten Raum wie einem Hotelzimmer ist es schwer, ein Minimum der Gedanken, die das Werk in sich trägt, herüberzubringen, dem Betrachter zu vermitteln. Es ist fast unmöglich. Ein Hotelzimmer ist zudem immer ein öffentlicher Raum, der vorgibt, ein privater zu sein. Es macht einen Unterschied, ob man ein Bild in einem Hotelzimmer betrachtet, oder ob man es, lange umworben, schließlich gekauft und es in seinem eigenen Zimmer aufgehängt hat. Dies ist für mich die vierte Hotelmesse. Irgendwann ist es keine Herausforderung mehr, wenn man nur mehr die Grenzen spürt. Es tut mir dann leid um jedes Stück, das man versucht, ªohne Nagel´ zu arrangieren.

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